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#1350753 - 16.08.18 23:13 7-Länder-2-Monate-Osteuropa-Sabbatical-Tour
tonycyclesghost
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 34
Dauer:2 Monate, 4 Tage
Zeitraum:31.5.2018 bis 2.8.2018
Entfernung:3500 Kilometer
Bereiste Länder:byBelarus
eeEstland
fiFinnland
lvLettland
ltLitauen
plPolen
skSlowakei (Slowakische Republik)
uaUkraine

Überblick:

Die gesamte Tour dauerte rund 2 Monate. Die Distanz betrug 3500 km und knapp 38.000 Höhenmeter.

Den Osten Europas näher kennenzulernen: Diese Idee spukte bereits seit Jahren in meinem Kopf herum und meine ältesten Notizen zu einer solchen großen Reise sind vom November 2014. Damals allerdings noch sehr rudimentär. Der richtige Schub kam, als mein Sabbatical genehmigt wurde (im August 2017), und ich in die konkrete Planung einsteigen konnte.

Priorität lag auf Kultur, Natur, „Nebenstrassen“ ohne Autos und dem sportlichen Aspekt, nicht hingegen auf Wegbeschaffenheiten oder optimierten Tagesstrecken. Um bestimmte Sehenswürdigkeiten wegoptimiert zu erreichen nahm ich Singletrails, Schotterpisten und sogar Wanderwege in Kauf. Die erste Planung lief über Warschau, Bialystok mit Abstecher nach Belarus (Bialowieza-NP) und weiter ins Baltikum.

Später verwarf ich diese Planung und brachte mir das kyrillische Alphabet bei, so dass ich über die Westukraine (und die Orte dort) recherchieren konnte. Kultur und Natur sind großartig, deshalb plante ich 22 Tage ein. Aus der Ukraine nach Belarus: Dafür beschaffte ich mir beim Konsulat in München ein Touristenvisa (10 Tage). Minsk war der östlichste Punkt der Tour.

Insgesamt habe ich mehr als 50 interessante Punkte/Städte in sieben Ländern geplant und erreicht, darunter 21 Weltkulturerbestätten. Die Gesamtstrecke betrug etwas mehr als 3500 km. Mit 127 km fuhr ich am 41. Tourtag (von Belarus nach Litauen) die längste Strecke.

Steigungen von knapp 38.000 m waren zu bewältigen. Das lag auch daran, dass ich im ersten Drittel der Tour kreuz und quer durch die Karpaten fuhr. Der dritte Tourtag war der „bergintensivste“ mit 1640 Höhenmetern.

Insgesamt habe ich 76 mal übernachtet. 47 mal in Hotels, Hostels, Domkis (Polen), Blockhütten und Privatzimmern. Besonders in der Ukraine sind Hotels sehr preisgünstig. Ein gutes Hotel im Stadtzentrum ist für weit unter 20€ zu haben (z.B. Sambir, Schowkwa). 23 mal schlief ich auf Camping/Zeltplätzen und 5 mal campte ich wild. Eine Nacht habe ich auf der Fähre von Helsinki>Travemünde verbracht. Die Gesamtkosten für alle Übernachtungen betrugen 837€.

Die Karte gibt einen groben Überblick über den Tourverlauf. Um sie lesbar zu halten, sind nur 19 der über 50 Städte/Orte eingezeichnet. In Wirklichkeit war die Route also um einiges komplexer.

Karte in Link verwandelt. Siehe auch mit der Bitte um Beachtung: Fremde Texte und Bilder werden entfernt (Forum)

http://up.picr.de/33580973mw.jpg

Da es zu weit führen würde, diese mehr als 2 monatige Reise tagfein in einem Forumsbericht zu beschreiben, nehme ich einige interessante Abschnitte heraus, um Euch einen Eindruck zu vermitteln. Die Schwerpunkte sind so ausgewählt, dass alle sieben Tourländer in dem Bericht vorkommen.

31. Mai 2018: Tag 1 der Tour (vom Flughafen Krakau zum Zeltplatz am Fluß Dunajec südlich von Czchów) – 89,2km / 1220 Höhenmeter

Lufthansa hat auf seiner Homepage einen Abholservice für Fahrräder. Den hab ich für meinen Flug nach Krakau genutzt. Am Tag vorher holen die das Fahrrad ab. Voraussetzung ist, dass es verpackt ist. Zu diesem Zweck hatte ich einige Tage vorher einen Karton von meinem Fahrradhändler besorgt. Dieses Unternehmen (mit Namen Inter>>>kep) ist eine LH-Tochter und checkt das Fahrrad bereits am Vorabend am Sperrgepäckschalter ein. Dieser Service (Abholen/Transport zum Flughafen und Einchecken) hat mich 19,90€ gekostet.

Die Alternative wäre gewesen, mit Karton und Fahrrad selber zum Flughafen zu fahren. 40km einfache Strecke. 20€ also, die gut angelegt waren. Natürlich werden auch die 50€ für den Fahrradtransport fällig. Man kann jetzt argumentieren: 70€ nur für das Fahrrad? Ja, so ist das bei Lufthansa. Es hat alles reibungslos geklappt. Nach der Ankunft des Fliegers in Krakau, während ich auf den Bus wartete, der die Passagiere vom Flieger zum Terminal bringt, konnte ich beobachten, wie mein Fahrradkarton von zwei Frachtmitarbeitern auf den Trolley gehoben wurde. Und ich muss sagen: Die machten das mit äußerster Sorgfalt. Das gefiel mir! Dementsprechend kam mein Fahrrad wohlbehalten an und ich konnte umgehend mit der Montage beginnen. Auch die Entsorgung des Kartons war kein Problem. Ich fragte kurz nach, und erhielt die Info, dass ich den Karton einfach stehenlassen kann. Das Reinigungsteam entsorgte ihn kurz danach.



Ich fuhr in die Krakauer Innenstadt, und musste schnell feststellen: In Polen ist Sonn- und Feiertag nicht das gleiche. Am Sonntag kann man einkaufen. Am Feiertag (besonders wenn es ein christlicher ist) NICHT! Und an Fronleichnam sind alle Geschäfte geschlossen. Kein Sklep ist geöffnet und sogar das große Einkaufscenter am Hauptbahnhof war zu. Also nirgends eine Gaskartusche zu bekommen. Und am Rynok war kein Durchkommen mehr. Priester, Mönche, Nonnen… feierten eine große Messe, die sich über den gesamten Platz – nicht nur vor der Marienkirche – sondern auf beide Seiten der Tuchhallen erstreckte. Massen von Menschen – sowohl Einheimische und Touristen „blockierten“ die Zugangswege. Schließlich bahnte ich mir eine Gasse Richtung Wawel. Dort gab es auch eine Wechselstube mit einem vernünftigen Wechselkurs. Ich bekam 4,20 Zloty für 1 Euro. Allerdings gibt es einige Wechselstuben, bei denen man nur um die 3 Zloty für 1 Euro bekommt. Da ist Vorsicht geboten.

Kasimierz und Wieliczka erkannte ich von meiner 2017er Reise wieder. Dieses Mal ging es östlich weiter. Es war ein heißer Tag und glücklicherweise hatte ich im Flughafen meine beiden Literflaschen mit Wasser aufgefüllt. Doch was ist das schon an einem heißen Sommertag. Die Strecke war ziemlich hügelig und der Schweiß lief in Strömen. In Nowy Wisnicz nach ca. 50 km war das Wasser schon alle. In dieser kleineren Stadt war feiertagsbedingt nirgends ein Laden offen. Nur die Eisdielen! Und die verkauften kein Wasser!

Ich sprach eine ältere Frau an, die auf den Stufen vor ihrem Haus saß. Ich sagte nur: “Woda?“ Vielleicht konnte sie meine Flasche mit Leitungswasser auffüllen. Ich hielt ihr die leere Flasche hin. Sie sah mich kurz an ohne meine Flasche zu nehmen, drehte sich um, ging ins Haus und schloss die Tür hinter sich. Ich dachte schon, dass ich sie verschreckt habe. Aber weit gefehlt. Sie kam kurz darauf mit einer großen gekühlten Wasserflasche zurück und drückte sie mir einfach so in die Hand. Zum Glück fiel mir noch: Dschinkuje ein. Danke.

Mit den 1 ½ Litern Wasser konnte ich meine Fahrt fortsetzen und erreichte bald das Dorf Lipnica Murowana. Es liegt zwischen Gdów und Czchów im Wisniczen Vorgebirge. Dort steht eine der ältesten und wertvollsten Holzkirchen Kleinpolens. Eine erste Kirche soll dort bereits im 12.Jhdt. entstanden sein an der Stelle, die vorher ein slawischer Heidentempel einnahm. Angeblich stammt die erhalten gebliebene Eichensäule noch von jenem ehemaligen altslawischen Tempel.



St. Leonhard in Lipnica Murowana ist eine der vielen Weltkulturerbestätten, die ich während meiner Tour besucht habe.



Ich kampierte in dieser Nacht etwas südlich von Czchów am Fluß Dunajec.

Eindrücke vom 1.Tag: Gelungener Start mit gutem Wetter, Feiertag ist Familientag in Polen, Piroggen mit Erdbeerfüllung sind lecker, die ersten reifen Kirschen auch, Birken, viel Thuja und Störche gab's dazu.



7. Juni 2018: Tag 8 der Tour (Von Zeltplatz in der San-Schleife in Polen nach Nova Sedlica in der Slowakai) – 39 km / 1240 Höhenmeter

In Polen gibt es diese „Einfachstzeltplätze“, die oft nicht einmal ein Plumpsklo haben. Eine Lichtung und eine ebene Fläche an einem Wasserlauf oder einem See: Schon wird daraus ein Pole Nawiotowe. Wie findet man die? Komoot hat den Platz (direkt in einer Schleife des San Flusses) verzeichnet und lotste mich hin. Und in der Mapa Turystyczna „Beszczady“, die ich mir vor Ort gekauft habe, ist der Platz ebenfalls verzeichnet. Er befindet sich 4 km westlich der polnisch-ukrainischen Grenze und ca. 25 km nördlich der Slowakai. Er liegt bei 530m über dem Meeresspiegel.

Es würde ein langer Tag werden. Deshalb hatte ich mir diesen Standort gut überlegt. Denn ich wollte heute den Zugang zum Rawka-Wanderweg zügig erreichen. Ja, Wanderweg – was hat mich dazu motiviert? Die Schönheit der Natur dort, Grenzgänge und das östlichste Dorf der Slowakai. Aber der Reihe nach.

Zunächst führte die Route durch das Prowcza-Tal. Ich bin im Lemkenland. Die Lemken sind eine Volksgruppe der Ruthenen. Und die Ruthenen wiederum sind ein Volk ohne eigenen Staat, das über 4 Länder verstreut in den Bergkarpaten lebt. Die Lemken bieten traditionelle Übernachtungsmöglichkeiten an:



Bären gibt es in dieser Region auch. Hinweis an die Autofahrer:



Auf der Suche nach einer guten Grundlage für die heutigen Strapazen, fand ich schließlich kurz vor Brzegi Görne einen Kiosk. Das Angebot war begrenzt und ich bestellte Bigos, einen Sauerkrauteintopf mit verschiedenen Fleischsorten und Pilzen und dazu einen Stapel Chleb.



Kurz darauf war der Wanderpfad erreicht. Zunächst konnte ich noch im Sattel bleiben bzw. ohne große Mühe schieben.



Bald schon wurde der Weg steil und es kamen immer wieder Abschnitte mit Treppen.



Ich konnte das Rad (13kg) mit Gepäck (15kg) nicht mehr weiter hochschleppen. Immerhin war ich schon bei knapp 1000m angekommen. Hier das Höhenprofil des Tracks:




Es blieb nur, die Gepäcktaschen abzuschnallen und getrennt zu tragen. Den ganzen Weg also zweimal zurückzulegen. Ab 1000m Höhe machte ich jeweils 50m zuerst mit den Gepäcktaschen und holte dann das Fahrrad nach. Das schlauchte schon.



Auf meiner Wanderkarte war der Pfad hoch zum Mala Rawka (1267m) mit 1 Stunde und 50 Minuten angegeben. Ich hatte etwa 2 ½ Stunden gebraucht. Oben dann eine tolle Aussicht über die Karpatenausläufer. Allein dieser Blick war die Strapazen wert.



Auf dem Pfad Richtung Wielka Rawna blockierte mein Hinterrad plötzlich. Eine Speiche hatte sich im Kettenführungsrädchen verklemmt. Und die saß fest. Ein junger Pole half mir, aber mit Gewalt kriegten wir die nicht raus. Ich suchte meinen Imbusschlüssel und ärgerte mich, dass der wieder ganz unten in der Packtasche war. Wir lockerten die Schraube am Führungsrädchen und jetzt löste sich die Speiche mühelos.

Ein paar Wandersleute waren auf unsere Reparaturarbeit aufmerksam geworden und nach einigen Hallos hatte ich zwei neue Freunde. Links der „Mechaniker“ und rechts im Bild die freundliche Dame, die sich bei der weiteren Wanderung als meine „Fotografin“ entpuppte.



Der weitere Weg zum Wielka Rawna führte zunächst durch einen Hohlweg, der völlig verschlammt war.



Dann ging es kurz und sehr steil auf einem felsigen Weg wieder nach oben. Auch hier waren Schulklassen und einige Wandersleute unterwegs. Der Abstieg vom Wielka Rawna führte dann direkt zum Grenzweg. Ungefähr 1,5km läuft man direkt auf der polnisch-ukrainischen Grenzlinie.



Schließlich erreichte ich zusammen mit der Familie meiner „Fotografin“ den Kremenec (1208m). Dort befindet sich eine Marmorsäule in Dreieckform, die symbolisch für den 3-Länderpunkt Slowakei-Polen-Ukraine steht. Jede Seite mit den entsprechenden Landesinformationen. Und da ich meine „Fotografin“ dabei hatte, bekam ich das volle Programm. Hier die Kurzfassung – mit GIMP zusammengeklebt. Es war einer der eindrucksvollsten Momente der gesamten Tour und alle Mühen wert.



Karte der Wanderwege, die ich abfotografiert habe: Link zur Karte



Dort oben ist es allerdings einsam, und man darf nicht erwarten, dass es eine Hütte oder einen Kiosk gibt. Zum Glück hatte ich noch Proviant dabei. Allerdings wurde das Wasser langsam knapp. Da der Nationalpark Stuzica (einer der letzten Buchenurwälder Europas und Unesco Naturdenkmal) direkt vor mir lag, wusste ich, dass dort der Stuzica Rieka genug Trinkwasser liefern würde.

Ich musste nur am Kremenec links abbiegen und schon war ich in der Slowakei bzw. in diesem Nationalpark. Ein Schild sagte: Nova Sedlica 2,5 Stunden (Wanderzeit). Da der Weg anfänglich fahrbar war, verabschiedete ich mich von meiner „Fotografenfamilie“ und ließ es rollen. Schon bald ging es nur noch schiebend weiter. Und es kamen wiederholt Bärenwarnschilder. Ich sah aber keinen. Jetzt war ich im tiefen Wald der Buchen. Kerzengerade in den Himmel wachsende Stämme, deren Blätterwerk keinen Sonnenstrahl durch liess. Der Schatten tat gut. Es ging bergauf/bergab, so dass ich zwischendurch sogar die Gepäcktaschen noch einmal abnehmen musste. Der Pfad führte rechts an einer mächtigen Rotbuche vorbei, aber steil und mit hohen Luftwurzeln. Unmöglich, das Fahrrad voll beladen darüber zu wuchten.

Die Zeit war auf meiner Seite. Es war 14.30 Uhr als ich auf dem Kremenec war. Bis 21 Uhr würde es mindestens hell sein. Zeit genug also. Allerdings: Kampieren konnte ich in diesem Gebiet nicht, denn das ist in Nationalparks streng verboten bzw. nur an ausgewiesenen Stellen gestattet.Immer wieder musste ich den Wildbach überqueren,



einige Male führte der Pfad direkt durch, an anderen Stellen waren einfachste Holzbrücken. Ich kam trotz der schwierigen Verhältnisse gut voran. Zwischendurch füllte ich meine Wasservorräte nach. Das Wasser schmeckte köstlich. Ich erfrischte mich am Bach noch einmal ausgiebig. Es war nach wie vor warm und der Schweiß lief in Strömen. Und das Salz vom Schweiß brannte in meinen Augen. Bergauf die Schiebbewegung (rechte Hand an der Sattelstütze um einen vernünftigen Schub zu erzeugen) und bergab ständig an beiden Bremsen, denn sonst wäre das Fahrrad „durchgegangen“.

Auf halber Strecke – gegen 16 Uhr - überholte mich meine „Fotografenfamilie“ wieder. Klar, zu Fuß ist man einfach schneller auf diesem schwierigen Wanderpfad. Einige Zeit wurde der Weg nun ebener und ich konnte etwas ausruhen. Dann wieder eine steil abwärts führende Passage. Ich hatte alle Hände voll zu tun, das stark schiebende Rad mit meinen Schritten synchron zu halten. Und dann kam er, der letzte Anstieg, der mir noch einmal alles abverlangte. Es ging serpentinenartig aus einer Schlucht nach oben. Dann war ich im Eingangsbereich (wenn man von der slowakischen Seite kommt) des Stuzica Nationalparks. Es war kurz nach 17 Uhr.



Ein Schild sagte: Nova Sedlica: 1 hour

Auf einem einfachsten Fahrweg (der allerdings mit Schlamm und Pfützen bedeckt war) wäre ich fast stecken geblieben. An einer großen Lichtung traf ich meine „Fotografenfamilie“ wieder. Das Rennen nach Nova Sedlica würde ich also gewinnen. Nur zur Bestätigung fragte ich: Is this the way to Nova Sedlica? Sie bejahten. Dann ließ ich es laufen. Es war ein ungeheurer Genuss, wieder im Sattel zu sitzen. Es gab jetzt keine schwierigen Passagen mehr.



Um kurz vor 18 Uhr erreichte ich die Pension Kremenec in Nova Sedlica und nach dem heutigen Wandertag konnte es kein anderer Name sein. Ich hatte nicht gebucht, ein Zimmer war dennoch zu bekommen. Und dort ist auch eine Gaststätte. Ich bestellte mir ein Fleischgericht mit ganz viel Kartoffeln. Mein Appetit war riesig!

Und was hatte ich mir heute sonst noch „geleistet“: Start bei 530m Höhe noch in Polen in der San-Schleife, rauf auf den Wielka Rawka bei 1308m Höhe, entlang des ukrainisch-polnischen Grenzwanderpfads zum 3-Länderpunkt Kremenec und durch den Stuzica-Nationalpark runter nach Nova Sedlica (dem östlichsten Ort der Slowakei) bei ca. 400m Höhe.



11. Juni 2018: Tag 12 der Tour (Ukraine: von Uschhorod nach Mukatschewo) – 48km / 280 Höhenmeter

Uschhorod/Ukraine ist die Hauptstadt des Oblasts Transkarpatien und hat rund 100.000 Einwohner. Sie ist sehr sehenswert.



Nach zwei Nächten im dortigen Hotel Atlant geht es heute weiter in Richtung Mukatschewo, dem südlichsten Punkt meiner Tour. Vorher aber besorge ich mir noch eine ukrainische SIM-Karte. Kiewstar ist der Telekom-Marktführer in der Ukraine. Und natürlich blau-gelb. Überall im Land kann man die 100 Griwna-Rubbelkarten kaufen und mit #123+Rubbelkartencode sein Guthaben auffüllen. Einfach und praktisch.

Beim Auschecken fragt mich die Rezeptionistin, ob das gestern mit der Gaskartusche geklappt hat. Sie hatte mir einen Laden dafür empfohlen, dort gab es die Kartusche jedoch nicht. Das ließ der guten Dame keine Ruhe. Sie holt den Hotelmanager und gemeinsam diskutieren sie das Thema. Dann sagt der Hotelmanager: „Show me your cooker!“ Das tue ich. „Where do you go next?“ „To Mukatschewo!“ Jetzt hat er anscheinend eine Idee. Gemeinsam skizzieren sie eine Straßenkarte. In einem Markt mit dem bombastischen Namen „Epicenter“ gibt es wohl Gaskartuschen.

Zunächst fuhr ich auf Kopfsteinpflaster aus Uschhorod hinaus. Schon bald kam ein Radweg, der mich bequem bis zur Stadtgrenze brachte.




Das Landleben wurde immer ursprünglicher und die Menschen betrieben Landwirtschaft und Viehzucht mit allereinfachsten Mitteln. Ich sah nirgendwo einen Traktor oder eine Mähmaschine.

Auf einem Feldweg holte mich ein Bauer mit seinem Fahrrad ein. Er hatte einen Rechen dabei. Er sprach etwas Deutsch und erzählte mir, dass er Fjodor heißt und war stolz darauf, dass er die deutsche Übersetzung „Theodor“ kannte. Er fragte, wo ich herkomme und erzählte mir, dass er zur Arbeit fährt. Ich konnte mir leicht zusammenreimen, dass er aufs Feld zum Heumachen fuhr.

Immer wieder sah ich Feldarbeiter auf alten Fahrrädern, die einfachste Werkzeuge (Spitzhaken etc) dabei hatten oder auch zu Fuß unterwegs waren. Wer irgendein Auto hat, so alt es auch sein mag, ist bereits wohlhabend. Transkarpatien ist eine arme Bergregion.

Wovon leben die Menschen hier? Vom Land, von allem was sie ihm abringen können. Weinanbau, überall Trauben, auch vor den Häusern ranken sich die Reben.



Industrielle Weinerzeugung? Kaum. Vergoren wird in Glasballons, abgefüllt in Mineralwasserflaschen und der Verkauf findet auf der Straße statt. Kurz vor Mukatschewo kaufte ich eine 1 1/2 l Flasche dieses Weins.

Auch Wildpflanzen werden am Straßenrand häufig verkauft. Ich sah Sammlerinnen eimerweise mit Walderdbeeren und Himbeeren aus dem Wald kommen. Und auch Pilze in allen Verarbeitungsformen: frisch, getrocknet oder eingelegt, werden angeboten. Und natürlich die angebauten Früchte z.B. rote und schwarze Johannisbeeren, Stachelbeeren und Kirschen.



Oft sind es nur wenige Kühe, die ein Bauer sein eigen nennt. Aber die werden in alter Manier gehütet. Der Bauer zieht mit ihnen morgens auf die Wiesen hinaus. Er hat einen Eisenstab und einen Hammer dabei. Hat er einen guten Weideplatz gefunden, fixiert er den Stab und macht die Kuh mit einer Kette daran fest. Die Kühe werden auch auf dem Feld gemolken.



Holzwirtschaft sieht so aus: Minderwertige oder umgefallene Bäume (oft Birken) werden zu Brennholz verarbeitet. Die Winter in dieser Bergregion sind lang und oft kalt. Mit Pferdewagen werden die Stämme abgeholt und dann in die Dörfer geschafft, wo sie klein gemacht werden.



Wenige Kilometer vor Mukatschewo kam auf der linken Seite eine große orthodoxe Kirche. Daneben ist eine kleine Kapelle. In blau-gold, den Farbtönen, die für orthodoxe Sakralgebäude so typisch sind. Ich hielt an, und schaute mir die Anlage genauer an. Unter den Türmchen ist ein Brunnen aus dem heiliges Wasser geschöpft werden kann, das heilsame Wirkung hat. Jeder kann dort Wasser entnehmen. Solche Heilquellen gibt es in der Ukraine überall.



Wenig später fand ich mit Hilfe der Handskizze des Hotelmanagers den großen „Epicenter-Markt“ im Norden von Mukatschewo. Und es war bedenklich schwarz geworden.



Kaum hatte ich den Markt betreten, setzte ein Starkregen ein, der unüberhörbar auf das Flachdach niederprasselte.

Ich hatte vorsorglich meinen Kocher dabei und zeigte ihn an der Information vor. Dort sagte man mir etwas von Militaria. Ich blickte nicht recht durch, aber das war wohl eine der Abteilungen in diesem Riesenmarkt. Als ich dort ankam, sah ich zunächst alle möglichen Waffen. Vor allem Jagdgewehre. Aber schließlich dann das:



Am 12. Tourtag hatte ich nun endlich eine Gaskartusche. Eine koreanische. Ich nahm eine größere (450g), da ich ja noch eine längere Reise vor mir hatte.



Wenig später war ich in der Innenstadt von Mukatschewo, wo ich mir ein Zimmer über Booking. Com reserviert hatte. Es war kein Hotel, sondern eine private Wohnung, mehr im Airbnb-Stil. Ich kannte die Adresse, aber: Welche Wohnung war es nun? Ohne Anruf kam ich nicht weiter. Anrufen konnte ich mit meiner SIM-Karte, aber da war noch das Sprachproblem. Mit Hilfe der Tochter des Eigentümers, die etwas Englisch sprach, kamen wir zusammen.

Ich unternahm einen kleinen Rundgang durch die Stadt. Dabei fiel mir ein Straßenschild besonders auf: Es war ein Verbotsschild.



Dieses Schild führte mir vor Augen, dass ich in einer anderen Welt war. Während in Deutschland die ersten Dieselfahrverbote kommen, gibt es hier Fahrverbote für Pferdewagen.

Es gab natürlich nicht nur Pferdewagen, sondern auch PKWs. Sehr häufig sieht man alte Ladas.



Geschichtliches zu Mukatschewo: Die Gebietszugehörigkeit änderte sich ständig. Deshalb gibt es den folgenden osteuropäischen Witz von dem alten Mann, der einem Besucher erklärt, er sei in Österreich-Ungarn zur Welt gekommen, in der Tschechoslowakei zur Schule gegangen, habe in Ungarn geheiratet und die meiste Zeit seines Lebens in der Sowjetunion gearbeitet, wohne nun aber in der Ukraine.“Viel unterwegs gewesen, wie?“ fragt der Besucher. „Nein“, antwortet der alte Mann, „aus Mukatschewo nie herausgekommen.“



2. Juli 2018: Tag 33 der Tour (Von Liubeshiv in der Ukraine nach Pinsk in Belarus) – 119 km/770 Höhenmeter

Während der Nacht hatte ich das Plätschern auf dem Blechdach gehört. Es hatte immer noch weiter geregnet. Am Morgen bildete ich mir ein, der Niederschlag wäre etwas weniger stark. Egal. Ich wollte los. Check der Dokumente. Reisepaß mit Belarus-Visum, Auslandskrankenversicherung + Nachweis der „Finanzstärke“ für 10 Tage Belarus. Alles griffbereit in einer Plastikhülle. Und die wiederum im Drybag im Rucksack. Kurz vor 9 Uhr war ich startbereit.

Der freundliche Hotelmanager sperrte die Garage auf, und deutete nach oben. Bei dem Regenwetter willst Du fahren? Ich hatte meine Regenklamotten an und ließ mich nicht beirren. Es waren rund 20 km bis zur Grenze. Ich fand noch einen Minimarkt kurz vor Dolsk. Eine gute Gelegenheit noch einmal einzukaufen. Mohnhefekuchen und Waffeln, dafür verwendete ich meine letzten Griwnas.



Kurz darauf war ich bereits an der Grenze – zunächst auf der ukrainischen Seite.



Es war Montagvormittag und ungefähr 10.30 Uhr. Keine Autos, keine LKWs – ich war ganz alleine mit meinem Fahrrad. Nach kurzem Check meiner Satteltaschen und meines Passes bekam ich den Ausreisestempel und erhielt dann den „Laufzettel“, den ich an der Schranke abgeben musste. Die Schranke ging nach oben und drei Wochen Ukraine (10.6.-2.7.) waren nun zu Ende.

Das „Niemandsland“ zwischen den beiden Grenzposten ist ziemlich breit. Ich fuhr wohl 4 oder 5 km bevor ich die weißrussische Seite erreichte. Auch dort ging es äußerst entspannt zu. Kein Schwerverkehr und nur 2 oder 3 Autos. Ein Hauptmann (3 Sterne – meine Lesart von der Bw) mit fast kahlgeschorenem Kopf checkte meine Dokumente. Er fragte zwar nach „Insurance“, aber als ich das Dokument dann durch das Schubfach steckte, hatte er nur sehr mäßiges Interesse daran. Mein Eindruck war, dass es mehr um das Vorhandensein geht und weniger um den Inhalt. Nach einer weiteren Minute hörte ich das Stempelgeräusch und damit war mein Ausweis und mein Visum abgestempelt.

Als nächstes kam die Metalldetektoruntersuchung. Eine junge Frau – Typ eingefrorene Gesichtszüge und ohne menschliche Regung – untersuchte mich. Als sie im Bereich meines Gürtels ankam, schlug das Gerät aus. Es war meine Digicam, die ich am Gürtel trage. Wegen des Regens hatte ich sie unter die Regenjacke geschoben. Wie auch immer – der „Fund“ machte die Grenzbeamtin beinahe menschlich - denn ein triumphierendes Lächeln war auf ihrem Gesicht zu sehen. Sie wurde aber gleich wieder förmlich, ging in eines der Gebäude und holte einen Kollegen. Ranghöher – so vermutete ich.

Der sah zuerst mich, dann mein Fahrrad an, während die dienstbeflissene Beamtin auf ihn einredete. Ich verstand zwar kein Wort, aber sie versuchte wohl, den Kollegen zu motivieren, eine umfangreichere Durchsuchung zu machen. Er hörte sich die Einlassungen seiner Kollegin in aller Ruhe an, schien aber nicht sonderlich beeindruckt zu sein, denn er sagte zu mir: „You can pass!“ Ich hatte nicht ein Gepäckstück öffnen müssen und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Aber nicht in Richtung der Beamtin. Ich wollte jede Provokation vermeiden.

Ich erhielt den Laufzettel, ohne den vorne der Schrankenwärter nicht aufmachen darf. Und schon war die Sache gelaufen. Allerdings: Es geht nicht immer so glimpflich ab – so ganz ohne Gepäckkontrolle. Eines der wenigen Autos, das mit mir die Grenze passierte, musste das gesamte Gepäck aus dem Auto nehmen bis „hinunter“ zur Wanne mit dem Ersatzreifen und dem Werkzeug. Ist halt auch ein Problem, wenn die Grenzer gar keine Arbeit mehr haben. Dann greifen sie wohl zu „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“.

Es war also geschafft. Das vierte Land auf meiner Tour war erreicht. Das erste, was auffiel war die große Straßengebühr-Anzeigetafel. Viele Strecken sind mautpflichtig. Und die Qualität der Straßen ist – auch deshalb – wesentlich besser als in der Ukraine. Ich konnte ohne Mühe einen 20km/h Schnitt fahren. Das war in der Ukraine bei den Schlagloch-Slalom-Fahrten nicht drin gewesen.

Dort gab es jedoch auch keine militärischen Kontrollpunkte oder wie man das nennen soll. Schon kurz nach der Grenze in Belarus wurde noch mal kontrolliert. Aber nichts Dramatisches. Aus einiger Entfernung fotografierte ich den Checkpunkt:



Bis Machro ging mein alter Komoot track. Jetzt musste ich entscheiden: Die kurze Variante direkt nach Pinsk, oder doch den Struvepunkt mitnehmen. Das hatte mein ursprünglicher Plan vorgesehen. Ich checkte den Himmel, und sah kurz die Sonne, aber – um bei der Wahrheit zu bleiben:




Selten habe ich einen so bedrohlich schwarzen Himmel gesehen. Egal. Ich war in Belarus. Und davon hatte ich lange geträumt. Außerdem war es erst halb zwölf. Ich entschied mich für den Track über Ivanovo Richtung Struve-Punkt Ossownitza. Natürlich gibt es dafür verschiedene Schreibweisen. Letztendlich sind das alles nur Transkriptionen aus dem Kyrillischen. Als ich mich dem Struvepunkt näherte (52°17'22“ N, 25°38'58“ E) wurde es morastig. Durch den starken Regen der vorherigen Tage war der Boden aufgeweicht und ich musste schieben, um nicht im Schlamm stecken zu bleiben. Die letzten drei Kilometer vor dem Ziel waren ein bisschen anstrengend, insgesamt aber kein echtes Problem.

Der Punkt liegt mitten in einem Maisfeld. Den letzten Kilometer musste ich direkt zwischen einem Maisfeld und einem Weizenfeld laufen. Ich ließ das Rad stehen,



nicht ohne vorher ein paar Lebensmittel aus den Satteltaschen zu nehmen. Dann überquerte ich das Maisfeld und sah schon den Gedenkstein. Ausgerechnet als ich davor stand, fing es wieder an zu regnen. Ich hatte es mir so gemütlich vorgestellt, an dieser Stelle Brotzeit zu machen.



Stattdessen musste ich meine Kapuze hochziehen. Es war schon der siebte oder achte Schauer heute. Aber immer noch besser als so ein durchgängiger nicht endender Regen wie gestern.

Insgesamt hat Belarus 5 Punkte auf dem Struvebogen, die einen Weltkulturerbeeintrag aufweisen. Drei davon sind im Distrikt Ivanovo. Und diesen hier hatte ich ausgewählt, weil er mit dem geringsten Aufwand zu erreichen war. Der Satz auf dem Gedenkstein gefiel mir: „… an outstanding example of international scientific cooperation….“ Zusammenarbeit über Grenzen hinweg: Das war auch damals (im 19.Jhdt) schon möglich.

Ich brauche wohl kaum zu erwähnen: Außer mir war niemand an dieser Gedenkstätte. Ich finde es schade, dass es nicht einmal einen einfachen Zufahrtsweg gibt. Man muss sich buchstäblich durch die Felder seinen Weg bahnen, um diesen historischen Vermessungspunkt zu entdecken… Andere Länder haben bessere Zugänge zu den Struvepunkten geschaffen. Das konnte ich später in Litauen und Lettland erleben, wo ich jeweils auch einen Struvepunkt aufsuchte.

Der weitere Weg führte mich in die Stadt Pinsk. Sie liegt in den Prypjatsümpfen und hat eine sehenswerte barocke Altstadt.



6.Juli 2018, Tag 37 der Tour (Belarus: von Stolbsbi nach Minsk) 85 km / 820 Höhenmeter

Das Hotel Astoria hat alles was man braucht. Sogar einen Kühlschrank, einen Wasserkocher und im Haus ist auch ein Laden. Fast schade, dass ich dieses Zimmer verlassen muss. Jedenfalls habe ich gut geschlafen. Das einzige, was mich etwas beunruhigt, ist diese Meldesache. Beim Einchecken sind die Leute an der Rezeption immer ziemlich nervös, weil ich keine „Karta“ habe. Ich zeige Ihnen zwar mein Visa mit dem Einreisestempel und auch die Anmeldung, die ich bei der ersten Hotelübernachtung in Pinsk bekommen habe, doch das scheint nicht das zu sein, was sie erwarten…

Die Tour startet heute auf Feld- und Kieswegen. Nach einigen Kilometern habe ich die Wahl: Schnellstraße mit Seitenstreifen oder weiter auf den „Pisten“.



Ich bin gut drauf und bleibe bei dem schwierigeren „Geläuf“. Nicht ganz ohne Hintergedanken. Denn nach knapp 30km kommt eine Gelegenheit zur Abkühlung. Am Polonewy-See lege ich eine Badepause ein. Das Hoch scheint zu halten. Es waren sicherlich mehr als 25°C. Sonnenschein, Badesee und Brotzeit: Fahrradherz was willst Du mehr?



Nach ca. 40 km kam dann die Schnellstrasse, die nach Minsk führt. Leider mit viel Schwerverkehr. Der begleitete mich dann knapp 40km lang.



Doch der Seitenstreifen war passabel, so dass das kein echtes Problem darstellte.



Nach einigen Kilometern kam eine Abzweigung nach Moskau. Ich muss zunächst immer die kyrillischen Buchstaben „zusammenpuzzeln“. Aber dieses Schild führte mir vor Augen: Ich war wirklich weit im Osten.



Bereits einige km vor Minsk begann ein Radweg und ich wurde auf kleinen Nebenstraßen nach Minsk geleitet.



Die Stadt hat erhebliche Ausmaße, und ich war wohl annähernd eine Stunde unterwegs von der Stadtgrenze zum Hostel. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn ich musste die Stadt von Süden nach Norden durchqueren. Da die Fußwege sehr breit sind und Fahrradfahrer und Fußgänger sich diese Spur teilen, konnte ich ganz entspannt durch das Minsker Stadtgebiet fahren.

Das Hostel „Riverside“ hat seinen Namen geändert (es heißt jetzt Trinity), die Lage am Fluß Swislatsch ist aber unverändert ;-)

Nach dem Check-in schaute ich mir die „Altstadt“ an. Dieser neue Teil heißt „Oberstadt“ und wurde originalgetreu nach alten Plänen an den originalen Standorten wieder aufgebaut. Und dieser Wiederaufbau ist voll und ganz gelungen. Natürlich wird Minsk nie ein Vilnius oder ein Paris werden. Aber wenn man in Betracht zieht, dass diese Stadt im 2.Weltkrieg buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht wurde, dann ist die Aufbauleistung beachtlich. Schließlich leben 2 Mio Menschen in dieser Stadt. Das zeigt die Herkulesaufgabe.

Blick auf die Oberstadt



Der Schulterschluss mit Moskau ist nach wie vor eng. Die früheren Institutionen aus der Sowjetzeit sind weitgehend erhalten, beispielsweise das KGB-Hauptquartier:





14.Juli 2018, Tag 45 der Tour (in Kaunas /Litauen – Kurzexkursionen Kloster Pazailis und Camp9)

Es ist ein regnerischer Tag und ich bin im Monk's Bunk Hostel (dem angeblich besten Hostel in Kaunas). Farben stehen zur Verfügung, und jeder Gast kann sein Land/Region an die Wand malen. Ich überlege schon, die bayrische Flagge dort zu verewigen. Aber nicht nötig, da war jemand schneller…



Geplant sind heute zwei Exkursionen in der Umgebung von Kaunas. Bereits zum Frühstück gibt es eine süße Überraschung. Die japanische Mitbewohnerin Matsuko hat eine litauische süße Back-Spezialität mit Namen Sakotis (ähnlich dem deutschen Baumkuchen) besorgt, von der wir alle probieren dürfen.




Anschließend radle ich mit meinem neuen Reisefreund Lawrence (er ist Hongkong-Chinese) los zum Pazaislis-Kloster.



Es befindet sich etwa 10km südöstlich von Kaunas. Dort wurde die Memel aufgestaut, so dass jetzt das „Kaunasser Meer“ entstanden ist. Das Kloster (gegründet vom Kamaldulenser-Orden) wurde im 17.Jhdt in barockem Stil erbaut. Die schöne Kuppel erinnerte mich an Kloster Ettal in Bayern…



Im capitulum culparum mussten die Mönche jeden Freitag in sich gehen und ihre Sünden beichten.



Am Nachmittag wurde das Wetter besser und ich entschloss mich, Camp 9 zu besuchen. Irgendwo wollte ich mir eine Gedenkstätte anschauen. Und diese hatte mir Igor vom Hostel empfohlen. Es gab dorthin einen gut ausgebauten Fahrradweg teilweise am Fluß entlang in den Nordwesten von Kaunas (ungefähr 10km vom Stadtzentrum entfernt).



Juden aus München wurden nach Kaunas deportiert und dort umgebracht. Die Landeshauptstadt München hat eine Gedenktafel anbringen lassen.



Mindestens 30.000 Menschen wurden dort ermordet. Wir wissen alle, was damals passierte. Und doch ist es immer wieder erschütternd, wenn man sich näher damit befasst.





21. Juli 2018, Tag 52 der Tour (von Uzupiai/Litauen nach Daugavpils/Lettland) – 39km/350 Höhenmeter

Nach einem anstrengenden Tag gestern (99km und mehr als 1000 Höhenmetern) verließ ich die Landstrasse und baute mein Zelt in der Nähe eines Sees in einem Waldstück auf.



Anscheinend hatten die Mücken gebrütet, denn der Ansturm war gewaltig. Noch während ich mit dem Auftragen des Mückenschutzmittels beschäftigt war, wurde ich von den Biestern regelrecht überfallen.

Die ganze Nacht lauerten sie an der Außenseite meiner Schlafkabine. Ich blieb in Deckung.



Am Morgen dann zog ich meine Regensachen und auch Socken und meinen Schal an. Sonst hätte ich mir kein Frühstück machen können. So sehr waren die Mücken hinter mir her. Etwas zügiger als sonst packte ich zusammen und machte mich auf das letzte Wegstück vor der Grenze nach Lettland.

Das Wetter war wieder sommerlich und bereits nach einer Stunde erreichte ich den Druksiai-See. Er liegt im 3-Länder-Eck Litauen, Lettland und Belarus. Genau genommen gehört er überwiegend zum litauischen Staatsgebiet, ein kleiner Teil ragt aber nach Belarus hinein. Direkt am See war ein Zugang und ich konnte bei dem glasklaren Wasser nicht wiederstehen… Mangels Dusche heute morgen nahm ich dort – im bestimmt 20°C warmen Wasser - ein ausgiebiges Bad. Toll!



Wenig später ging es links nach Lettland, und rechts nach Belarus. Allerdings nur für Anrainer. Kein internationaler Übergang.



Ich hielt mich links und erreichte auf einem Kiesweg Lettland.



Damit hatte ich nach 2790 km das sechste Land meiner Tour erradelt. Neues Land, aber es ging weiter mit den ansprechenden Badeseen. Der nächste Stop und die nächste Schwimm- und Sonnenpause. Die richtige Zeit für das Mittagessen aus der Packtasche. Ich war jetzt am Demenesee ungefähr 20km nördlich von Daugavpils. Und immer noch Bilderbuchwetter..



Eine Stunde später erreichte ich dann Daugavpils. Es ist die zweitgrößte Stadt Lettlands. Sie liegt am Fluß Daugava, der im Deutschen Düna heißt.



Die Stadt hat eine mehrheitlich russische Bevölkerung. Und deshalb auch einige orthodoxe Kirchen. Hier die schönste:



Ich checkte im Hostel mit dem überraschenden Namen „Erfolg“ ein. An der Decke war ein riesiger kreisförmiger Spiegel angebracht, was mich wieder zum Fotografieren verleitete. Spiegelselfie mit Ausrüstung…



Am Abend lief ich durch die Innenstadt (in Lettlands Städten ist meistens die Rigastrasse die zentrale Straße), wo es einige Kneipen und Restaurants gibt. Es ging – obwohl es Samstagabend war – eher ruhig zu.

Die renovierte Synagoge Kadisa erinnert an die frühere jüdische Gemeinde. Heute ist dort ein Museum.





1.August 2018, 62. Tag der Tour (von Salacgriva/Lettland zum Rae-See in Estland) 63 km/740 Höhenmeter

Gestern Abend noch eine Schrecksekunde. Winfried (ebenfalls Fernradler) hatte mich zu einem Bier eingeladen. Wir sprachen über Navigationsthemen. Als ich das Glas an die Lippen setzte, war da plötzlich eine Wespe in meinem Mund. Ich hatte noch nicht hinuntergeschluckt und spukte reflexartig alles aus. Auch die Wespe. Sie zog eine Bierspur hinter sich her als sie „zu Fuß“ wegschlich. Der Stachel fehlte ihr aber. Meine Zungenspitze brannte höllisch. Glücklicherweise war der Stachel nicht in meiner Zunge. Sie hatte ihn wohl angesetzt, aber er saß nicht. Ich spürte einen Fremdkörper auf meiner Zunge. Das war er. Gerade noch mal gutgegangen. Das Brennen ließ auch bald nach.

Am Morgen dann ging es weiter vom Campingplatz Milleri, der direkten Zugang zur Ostsee und eine sehr gepflegte Gemeinschaftsküche hat…

…über die Grenze nach Ikla in Estland.




Damit war es geschafft. Das 7. Land meiner Tour war nach 3300km erreicht. Bis Häädemeeste führt eine wenig befahrene Straße direkt an der Ostsee entlang. Es gibt immer wieder Übernachtungsmöglichkeiten. Angefangen von den sehr einfachen kostenlosen RMK-Zeltplätzen (ausgestattet mit Plumsklo, Mülleimer, Grillstationen und teilweise hölzenen Pavillons als Regenschutz)

Karte in Link verwandelt. Siehe auch mit der Bitte um Beachtung: Fremde Texte und Bilder werden entfernt (Forum)

http://up.picr.de/33584583az.jpg

bis zu Hotels (z.B. das Lepanina Hotel bei Kabli, das an einem sehr schönen Strandabschnitt liegt).

In Estland gibt es nicht nur Landflucht, sondern auch Landliebe. Esten mittleren Alters, die zwar im Ausland (z.B. in Deutschland) leben, kaufen auf dem Land Grundstücke. Mit dem Ziel diese herzurichten und quasi als Sommerdatscha zu nutzen. Ich wurde von Freunden eingeladen, mir ein Grundstück im Dorf Jaagupi anzusehen, welches sich ganz in der Nähe der Ostsee befindet (es sind nicht mehr als 10 Fahrradminuten). Allerdings ein echtes „Entwicklungsprojekt“. Die Gebäude müssen abgerissen und neu errichtet werden, der Strom wurde längst abgeschaltet und der Brunnen ist verschmutzt und muss gereinigt werden.




Die mächtigen Eichenbäume spenden Schatten, und trotz des Zustandes habe ich das Gefühl: Die Lage ist gut, da könnte was draus werden.

Weiter ging die Fahrt Richtung Rae-See. Es ist ein RMK Campingplatz, der einer der schönsten in ganz Estland sein soll. Und der Weg dorthin ist asphaltiert und somit sehr komfortabel. Birken und Kiefern sind meine Begleiter. Wieder ein Bilderbuchtag. Strahlender Sonnenschein. Erst kurz vor dem See, muss ich abbiegen und einen Feldweg nehmen. Aber auch der ist recht passabel.



Und schon bin ich an der letzten Abzweigung



und am See, der idyllischer nicht liegen könnte.



Es sind nur ein paar Tagesausflügler da und bereits um 17 Uhr wird es ruhig.

Ein Ehepaar mit einem Wohnmobil (aus Bautzen) ist noch auf dem Platz– aber das war es dann auch schon. Ich tausche mit dem Mann Urlaubserfahrungen aus. Da kommt die Frau mit Teig an die Feuerstelle. Sie bäckt allen Ernstes Brot.

Sie benutzt einen speziellen Topf (oben und unten Eierbriketts) und dadurch geht der Hefeteig hervorragend auf. Ich werde zum Probieren eingeladen. Kann man so ein Angebot ausschlagen?





Ich schlage mein Zelt direkt auf dem Kinderspielplatz auf und genieße die Abendsonne.





Die Heimreise:
Zunächst ging es mit dem Zug von Pärnu nach Tallinn.



Übernachtung im sehr guten Hostel Fat Margaret, das nur wenige Fahrradminuten von den Kais entfernt ist (nördlich von Tallinns Altstadt).

Am nächsten Morgen mit Viking Lines nach Helsinki in rund 2,5 Stunden. Szene beim Auslaufen in Tallinn:



Dann weiter von Helsinki (Achtung: Mehr Hahn als Frankfurt), also genau genommen von Vuosaaren (20km östlich von Helsinki) mit der Finnlines-Fähre nach Travemünde (~30 Stunden).

Da der Check-In schon 2 Stunden vor dem Ablegen schließt, war ich frühzeitig da:



Die 30 Stunden nutzte ich, um diesen Bericht zu verfassen und die vielen Fotos aus zu sortieren und für den Bericht heraus zu suchen.

Von Travemünde dann noch mal eine kurze Radstrecke nach Lübeck. Am Holstentor vorbei. Dann mit dem Zug nach Hamburg und weiter nach München (ICE4 nimmt Fahrräder mit). Am 15. August um 18.30 Uhr war ich zu Hause, und damit war nicht nur die längste Fahrradreise, sondern auch die längste Reise meines Lebens zu Ende.
Gruß, Tony
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Geändert von Juergen (17.08.18 13:22)
Änderungsgrund: 3 Landkarten in Links verwandelt
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#1350770 - 17.08.18 07:13 Re: 7-Länder-2-Monate-Osteuropa-Sabbatical-Tour [Re: tonycyclesghost]
drachensystem
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Beiträge: 227

Toller Bericht!
Mich überraschte mit wie wenig Gepäck du dabei unterwegs warst. Interessant finde ich die ganz individuelle Streckenführung nach Interesse.
Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird. Entwickeln wird ihn die Erinnerung. -Max Frisch-
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#1350860 - 18.08.18 06:43 Re: 7-Länder-2-Monate-Osteuropa-Sabbatical-Tour [Re: tonycyclesghost]
jfk
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Beiträge: 161
Ja, finde ich auch: schön geschrieben! bravo

Wobei solch ein Bericht ja immer nur ein blasser Abdruck dessen sein kann, was die Reise an Erinnerungen und Emotionen beim Reisenden selber hinterlässt.
oîda ouk eidos - Ich weiß, dass ich nicht weiß... - Aber wissen es die anderen auch?? verwirrt
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#1351119 - 21.08.18 08:06 Re: 7-Länder-2-Monate-Osteuropa-Sabbatical-Tour [Re: tonycyclesghost]
talybont
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Toll!!!
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#1351745 - 25.08.18 18:34 Re: 7-Länder-2-Monate-Osteuropa-Sabbatical-Tour [Re: drachensystem]
tonycyclesghost
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Beiträge: 34
Hallo Torsten,

danke für deinen Kommentar.

Man könnte sagen, ich war mit "Kleinstbehältern" unterwegs. Alles aus den Originalgebinden umgefüllt, um Gewicht zu reduzieren...

Gruß, Tony
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#1351806 - 26.08.18 11:51 Re: 7-Länder-2-Monate-Osteuropa-Sabbatical-Tour [Re: tonycyclesghost]
dhomas
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Beiträge: 1805
Schön, gefällt mir gut!
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#1353362 - 09.09.18 11:43 Re: 7-Länder-2-Monate-Osteuropa-Sabbatical-Tour [Re: dhomas]
tonycyclesghost
Mitglied
Themenersteller
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Beiträge: 34
Nach dem jetzt alle Bilder aussortiert sind, gibt es unter diesem Link
<https://photos.app.goo.gl/3T8MJLTiiWj5NB9o7>
eine Best-Of Sammlung.
Gruß, Tony
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