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#1445090 - 26.09.20 14:18 Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina
Biotom
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Themenersteller
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Beiträge: 414
Dauer:7 Tage
Zeitraum:13.9.2020 bis 19.9.2020
Entfernung:238 Kilometer
Bereiste Länder:chSchweiz


Ciao a tutti,

Ich hatte schon länger den Plan, mein Heimatdorf im Berner Oberland mit meinem aktuellen Walliser Wohnort auf einer motorlosen Tour zu verbinden, aber bisher lockten weiter entfernte Orte jeweils allzu sehr. Auch diesen Herbst wollte ich ursprünglich nach Italien, aber Corona nahm dann doch ganz ordentlich die Lust auf längere Zugfahrten und allzu Abenteuerliches, und auch das Wetter war fürs Oberland wesentlich besser angesagt als fürs Piemont.
Und so kam es, dass ich mich für Sonntag bei meinen Eltern zum Zmittag anmeldete. Nachdem das feine Essen verspeist und der neuste Klatsch und Tratsch aus dem Dorf ausgetauscht war, zottelte ich mal los. Da das Zeitbudget grosszügig bemessen war, begann die Tour mit einer Schlaufe zu ein paar Highlights meiner Jugend schmunzel



Tag 1: Mülenen – Suldtal – Faltschen – Engel (Karte)

Als Erstes führt mich meine Tour ins Tal der Suld. Hier habe ich als Kind Tage mit dem Bauen von Kanälen und Staumauern verbracht, später kamen Steinmannli und Eisbäder hinzu verliebt





Wie so oft wähle ich nicht den einfachsten Weg, und so geht alsbald schön aber steil durch den Wald hinauf…





…und ins hintere Suldtal hinein. Kurz vor der Suldweid höre ich vom Hinterrad her ein komisches Geräusch. Ich kontrolliere rasch das Rad und stelle fest, dass eine Speiche gebrochen ist - Scheibe… Aber wenigstens steht das Morgenberghorn noch wie eh und je, und zu trinken hat es auch genug schmunzel





Ich fahre wieder aus dem Suldtal hinaus nach Faltschen. Hm, das Rad wird wohl schon noch ein bisschen halten. Daher purzle ich nicht runter in die Zivilisation, sondern rauf Richtung Engel. Das Strässchen schlauft stotzig-gemütlich durch das Faltschener Skigebiet. Hier habe ich als Kind hunderte herrliche Skitage verbracht. Jedes Hübi kannte ich, jedes Tänndli, und natürlich auch die Bügel am Skilift, bei denen der Bügeleinzieh-Mechanismus allzu stark war: das damit verbundene Abheben an den stotzigen Stellen des Skilifts war als kleiner Knirps ein kleiner Horror, als grösserer Giel dann ein grösseres Highlight schmunzel Und noch ein Faltschener Highlight: am Abend konnte ich jeweils direkt bis vor unsere Haustüre runterskiern – einfach toll! Aber wie alles auf dieser Welt vergeht auch mein Lieblingsskigebiet: wegen des Klimawandels kann es pro Jahr nur noch ein paar wenige Tage öffnen (wenn überhaupt).

Auf meiner Tour ist es trotz des herbstlichen Monats noch sommerlich heiss…





…und ich bin froh kann ich beim Holzerhüttli (p.1582) Wasser nachtanken. Ich nehme gleich ordentlich Wasser mit, denn mein Vater hat mich vor meiner Abfahrt noch darauf hingewiesen, dass das Wasser auf dem Engel nicht den besten Ruf hat. So Eltern sind einfach schon unglaublich praktisch verliebt





In meiner Kindheit sind wir ab und zu auf den Engel gewandert. Ich meine mich erinnern zu können, dass mal mein Vater einen riesigen Weltempfänger mitnahm, und ich frage mich bis heute, wer bei dieser Tour wohl das Essen schleppte, denn im Rucksack meines Vaters hatte es glaub neben dem Weltempfänger nicht viel Platz lach





Später war dann der Engel als möglicher Biwakplatz ein Thema, aber der Senn mochte die Zeltler nicht, und so kommt es, dass ich auf dieser Tour das erste Mal dort oben übernachte:





Die Aussicht ist wunderschön: die Blüemlisalp und die Gipfel des Kientals…





…und der Niesen, der Thunersee und das Mittelland:





Vor dem Einschlafen höre ich allerhand Geraschel und Getrappel, und sogar ein Hirsch (?) röhrt was rum. Trotzdem all dem Getier wage ich mich in der Nacht kurz raus für ein Foto:







Tag 2: Engel – Fulematti – Wätterlatte – Rengg – Kiental – Spiggegrund – Aabebärg – Griesalp (Karte)

Am Morgen dauerts eine Weile bis das Zelt trocken ist; zum Glück hilft die Sonne:





Ich fahre ein Stück des gestrigen Wegs zurück. Das Hinterrad scheint zu halten, daher biege ich bald rechts ab und purzle über das Fulematti…





…Richtung Wätterlatte. Vor p.1870 muss ich das Velo ein paar dutzend Höhenmeter tragen – geht zum Glück gerade so, trotz des Gewichts der Campingausrüstung. Dann lasse ich das Velo stehen und wandere auf die Wätterlatte. Die Aussicht auf den Thunersee sowie…





… ins Kander-…





…Kien-…





…und Suldtal ist sehr schön. Kein Wunder war die Wätterlatte eine Zeit lang einer unseren liebsten Wandergipfel!





Ich purzle zurück zum Velo und traversiere leicht abschüssig, aber unschwierig zur Rengg rüber:





Auf der Rengg steht eine riesige neue Alphütte (und einen Moment lang ein tolles Velo schmunzel )…





…und die Strasse ins Kiental ist ordentlich ausgebaut – und trotzdem muss ich zu diesem Bild sagen: so sieht es aus, wenn ich das Velo nicht hinlege, sondern stürze schmunzel





Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert, und ich kann die Fahrt ins Kiental unbeschadet fortsetzen:





Ich liebe das Kiental mit seinen Ahornen und Alphütten!





Die Abfahrt ins Dorf Kiental wird eines des ersten Velo-Highlights dieser Tour, yeah!

Kurz vor Mittag komme ich im Dorf an und mache beim Kientalerhof halt, dem «Seminarhotel – Ideal für Tanz, Musik und Yoga», wo auch Ausbildungen in Körpertherapie angeboten werden. Als in meiner Jugend der Kientalerhof von engagierten und – wie man heute weiss – weitsichtigen Leuten übernommen wurde, sprach man in der Gegend noch despektierlich von den «Körnlipickern». Heute ist man glaub schlicht und einfach unglaublich froh, dass der Laden Leute ins Dorf bringt. Denn trotz der einmalig schönen Landschaft gibt es Probleme im Kiental: so musste z.B. vor kurzem der Sessellift Konkurs anmelden – wohl auch ein Opfer des Klimawandels…
Ich frage an der Reception, ob ich zu Mittag essen kann – ja klar, kein Problem! Und da ich schon ordentlich geschwitzt habe, wird mir auch die Benutzung des Badeteichs angeboten – sehr nett, und sehr erfrischend!





Und das Tüpfelchen auf dem i: ich kann meine Campingausrüstung im Schuhraum zwischenlagern. Der Grund fürs Lagern: das Kiental ist Eidgenössisches Jagdbanngebiet und daher fürs Wildcampen tabu.
Nach einem sehr leckeren Mahl purzle ich weiter. Kientalerhof, ich komme wieder! Nebenbei: Hoffentlich kann nächstes Jahr auch wieder das Natural Sound Openair auf dem Hotelgelände stattfinden.

Ich fahre Richtung hinteres Kiental und werfe noch einen Blick zurück auf das Dorf und den Niesen…





…bevor ich bei der Losplatte Richtung Spiggegrund abzweige. Hier bin ich bereits recht weit hinten in diesem wunderschön abgelegenen Tal:





Hach, ist der Aufstieg zum Aabebärg eine harzige Sache, trotz des stark reduzierten Gepäcks… Strampelnd überlege ich mal mögliche Titel für den Reiseberich hier im Forum: «Berner Oberland, my murksy love» vielleicht? Am Strassenrand sticht mir dann noch ein Schildchen mit durchgestrichenem Velofahrer ins Auge – ah, das Jagdbanngebiet… Soll ich umkehren? Nein – aber vielleicht eine Selbstanzeige?
Beim Mittelberg endet die Strasse, und der Wanderweg ist für die restlichen 200 Höhenmeter unglaublich mühsam: Schieben, Tragen, Keuchen, Kämpfen…. Ich sehe von einer Selbstanzeige wieder ab, denn ich fühle mich durch den sehr murksigen Weg schon genug bestraft grins

Auf der Alp Aabebärg dann – aaah, diese Aussicht! Zahm Andrist, Gspaltehorn, Blüemlisalp:





Nochmals der hintere Spiggegrund mit der Schwalmere, der Chilchflue und der mythischen Alp Hochie:





Links der Aabebärg (auf dessen Besuch ich verzichte, denn sie sind gerade am «Bschütte», und zudem bin ich total auf dem Hund), rechts der Niesen:





Nochmals die Blüemlisalp, omnipräsentes Juwel meiner Kindheit verliebt Noch vor ein paar Jahren war die Dame das ganze Jahr über wesentlich weisser als auf diesem Bild mit dem Neuschnee – krass, dieser Klimawandel! Da kommt einem unvermittelt die Blüemlisalpsage in den Sinn…





Auf der anderen Seite geht es zuerst gleich murksig runter wie auf der anderen Seite hoch, doch dann komme ich auf ein herrliches Alpsträsschen. In der Abfahrt bremsen mich ein paar Kühe aus – eine sehr schöne Begegnung:





Kurz vor der Griesalp finde ich im Naturfreundehaus Gorneren einen Schlafplatz. Ich esse mit Dominique Znacht; er ist heute von Zweilütschinen über die Schwalmere und den Aabebärg hergerannt (25 km, 3000 Hm – vollkrass!) und hat noch ein paar Tage auf der Via Alpina vor sich. Auch andere Gäste sind auf der Via alpina unterwegs – und da kommt mir der Geistesblitz mit der Via rough-stuffina grins


So, ich brauche mal eine Pause schmunzel

I never go for a walk without my bike.

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#1445144 - 26.09.20 21:40 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
Biotom
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Tag 3: Griesalp – Kiental – Aris – Frutigen – Ladholz – Rinderwald – Otterepass – Chilei (Karte)

Nach dem Zmorge düse ich die paar Meter zur Griesalp runter und biege dort ein auf die steilste Postautostrecke Europas. Mit 28% Gefälle geht es in steilen Kehren am Hexenkessel vorbei…





…zum ehemaligen Tschingelsee. Dieser entstand vor knapp 50 Jahren durch einen Murgang. Ich kann mich noch ganz schwach an Schlauchbootfahrten auf dem See erinnern; das muss vor 1987 gewesen sein, denn damals wurde der See in die Auengebiete von nationaler Bedeutung aufgenommen. Heute ist er nahezu komplett verlandet; der Flecken hat aber nichts von seinem Charme eingebüsst:





Ich hole im Kientalerhof meinen Campingplunder ab und tuckerle gemütlich der Chiene entlang…





…über Aris…





…ins Kandertal:





In Frutigen habe ich vor knapp zwei Jahren mein Cutthroat gekauft, und hier wird auch die gebrochene Speiche ersetzt und das Rad zentriert – danke Jungs, super Service!





Ich folge den wundervollen Auen der Entschlige:





Der Wanderweg führt an den letzten blühenden Blumen vorbei…





…und ist die meiste Zeit problemlos fahrbar:





Im Restaurant Rohrbach stärke ich mich mit viel Rivella und einem Nussgipfel und frage nach, wie denn der Otterepass so sei. Die Wirtin war am Wochenende gerade oben und findets nicht so eine gute Idee, dort mit dem Velo rüberzuwollen. Also übers Hahnenmoos? Und dann den ganzen Winter dran herumhirnen, ob der Otterepass vielleicht eben doch ganz nett gewesen wäre?
Ich fahre eine Weile der Hauptstrasse nach Adelboden entlang; es sind die ersten Meter auf einer grösseren Strasse auf dieser Tour – irgendwie nicht so anmächelig... Also definitiv Otterepass, denn für übers Hahhenmoos müsste ich noch länger auf der Hauptstrasse bleiben. Ich zweige rechts ab und staune über die extrem steilen Hänge der sogenannten Spissen, die da nach wie vor bewirtschaftet werden.

Als mir ein Töff entgegenkommt, frage ich den Fahrer nach dem Otterepass. Jaja, der gehe schon mit dem Velo, halt nicht viel fahrbar… Aber ich sei auf der falschen Spiss: für auf den Pass müsste ich über Rinderwald, ich sei aber hier auf der Strasse nach Ladholz. Huch, da wollte ich unten im Tal wohl allzu dringend ab der Hauptstrasse wirr Aber der Töfffahrer wiegelt ab: ich könne ja von Ladholz durch den Sackgrabe nach Rinderwald rübertraversieren, sei ein bisschen abschüssig und nicht alles fahrbar, sollte aber machbar sein mit meinem Velo. Na denn, probieren wir, schliesslich sind wir auf der Via rough-stuffina schmunzel

Mein Lapsus an der Hauptstrasse erweist sich als Glücksfall: der Weg durch den Sackgraben ist abenteuerlich…





…und wunderschön:





Schon noch eindrücklich, wenn man bedenkt, dass früher die Kinder diese Gräben überqueren mussten für in die Schule. Um den Weg abzukürzen, kamen meines Wissens auch Tyroliennes zum Einsatz (hier ein rezentes Beispiel für ein Schulweg-Tyrolienne in Kolumbien). Anscheinend wird die gezeigte Brücke öfters mal mitgerissen; jedenfalls liegt hinter meinem Velo bereits Holz für einen Neubau bereit:





Ob Rinderwald geht es zuerst auf einem schönen Strässchen weiter…





…bevor es auf einem steilen und schotterigen «5. Kl., Feld-, Wald-, Veloweg» wieder anstrengend wird. Aber die Steigung ist zum Glück schön regelmässig und die Aussicht trotz des Dunstes und der Wolken ganz hübsch – daher kein Vergleich mit den Strassen der VSSS ("Vereinigung der sadistischen Strassenbauer der Schweiz") zwinker





Auf der Otterealp hat es zum Glück einen Brunnen, und aus meinem Rucksack fische ich ein Stück Brot. Die Sorgenfalten auf meiner Stirn? Bis zum Otterepass bleiben noch 300 Höhenmeter Wanderweg übrig entsetzt





Die Otterealp ist unglaublich schön gelegen, und ich überlege kurz, hier oben das Zelt aufzuschlagen:





Aber dann will ich doch wissen, ob dieser Otterepass machbar ist schmunzel Von der Hütte bei p.1983 bis zur Hochebene von Striple gehts nur mit Tragen, danach kann ich zum Glück wenigstens schieben. Der Pass liegt in der rechten Scharte, vor der weissen Wolke:





Ein paar hübsche Gefranste Enziane verführen zu einer willkommenen Pause, bevor ich in den letzten Spitzkehren wieder tragen muss:





Und dann erreiche ich keuchend den Pass – ein tolles Gefühl!





Ich blicke nach Osten, wo man an wolkenfreien Tagen Eiger, Mönch und Jungfrau sehen würde:





Im Westen eröffnet sich der Blick in die Chilei und das Diemtigtal:





Ich beginne den Abstieg ins Diemtigtal; nach den ersten Alphütten entspinnt sich ein Schwatz mit einem älteren Wanderpärchen, welches am Wegesrand Pause macht. Wir fachsimplen über Schaltungen und Gravelbikes, und er findet glaub meine Tour und meine Ausrüstung ziemlich freakig. Wir wandern zusammen weiter (fahren kann man noch nicht), und kurz vor dem Oberberg stelle ich dann fest, dass er die Männlisflue – immerhin einer der höheren Wandergipfel im Berner Oberland – mit Teva-Sandalen bestiegen hat. So viel zum Thema freakig lach

Kurz vor dem Oberberg kann ich dann wieder fahren, yeah:





Der Oberberg ist eine schöne Alp, und die Sennin wäre damit einverstanden, dass ich hier mein Zelt aufschlage. Aber dummerweise habe ich keinen Handyempfang, und ich habe mit den Leuten zu Hause abgemacht, dass ich mich nach dem Otterepass nochmals melde. Daher purzle an der wunderschönen Ebene des Mittelbergs vorbei…





…in die Chilei. Dort kann ich mit dem Einverständnis des Bauern mein Zelt am Strassenrand aufstellen. Es ist ein bisschen schattig, aber es hat Handyempfang, einen Brunnen in der Nähe, und ebenso einen Wildbach zum Waschen – und die Berge ringsherum sind sehr schön:





Ich schlage mein Zelt auf; die wenigen Autofahrer, die vorbeikommen, winken und haben Freude am kleinen Spektakel am Strassenrand schmunzel Ich koche mein Znacht, geniesse die Herbstfarben…





…und lege mich einen Moment auf die Strasse, um den Himmel zu bestaunen. Herrlich, nach so einem schönen Tag auf dem warmen Teer zu liegen und den Wolken zuzugucken verliebt




Es wird recht schnell finster, und ich krieche in mein Zelt. An Schlaf ist aber nicht zu denken: die Schweizer Luftwaffe übt an diesem Abend bis zehn Uhr über dem Diemtigtal omm Auch die Nacht ist nicht sehr erholsam: stört das Rauschen des nahen Baches, oder spüre ich negative Schwingungen von früher? Nach der Tour erzählt mir nämlich mein Vater, dass früher in der Chilei ein Sommergefangenenlager (ein Aussenposten der Strafanstalt Thorberg?) lag. Die Gefangenen flüchteten anscheinend öfters über den Otterepass und versorgten sich dann in Rinderberg oder Ladholz durch Einbrüche mit Zivilkleidung – spannend!

Am nächsten Tag schleppe ich mich entsprechend ziemlich saftlos über den nächsten Pass, aber davon ein andermal mehr schmunzel
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#1445172 - 27.09.20 09:23 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
Biotom
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Tag 4: Chilei – Grimmialp – Grimmifurggi – Rauflihore – Färmeltal – Bleikestafel – Lenk (Karte)

Die Septembernächte sind bereits ordentlich lang, und so koche ich mir mein Porridge noch im Dunkeln. Beim ersten Tageslicht fahre ich zur Alpkäserei Chilei hinunter…





…und erreiche auf schönen Strässchen…





… die Grimmialp. Dort gönne ich mir ein zweites Zmorge (und vor allem einen ausgiebigen WC-Besuch träller ) bevor ich wieder Richtung Süden fahre. Der Weg ist zwischendurch recht vernünftig angelegt…





…aber leider die meiste Zeit zu steil um zu fahren. So kämpfe ich mich mehr schlecht als recht zu p.1620 hoch. Hm, irgendwie nicht der beste Tag: ich bin recht verpeilt wegen der nicht sonderlich erholsamen Nacht, die Beine melden nach dem gestrigen Otterepass Ruhebedarf, und das Wetter ist ein bisschen wolkig-diffus. Aber zum Glück treffe ich auf überaus freundliche Kühe, welche mitwandern…





…und mit grossem Interesse mein Velo begutachten lach





Von p.1620 bis zur Hochebene von Grimmi ist es wieder ganz angenehm, aber dann ist durchwegs Schieben angesagt (zum Glück kein Tragen, ufff…). Ich mag nicht so und lege mich ein bisschen hin…





…um die Aussicht auf die Grimmi und das Diemtigtal zu geniessen:





Irgendwie schaffe ich es auf die Grimmifurggi und mache nochmals ausgiebig Pause. Aus dem Diemtigtal steigt ein Wanderer hoch, und gemeinsam erklimmen wir das Rauflihorn. Herrlich, so ohne Gepäck zu wandern! Trotz der Wolken ist die Aussicht ganz passabel: wir bestaunen das Gsür…





…den Otterepass (in der linken Bildhälft)…





…das Simmetal und das Saanenland…





…die Spillgerte…





…und das Diemtigtal…





…und seine Wände:





Zurück auf der Grimmifurggi freue ich mich auf die Abfahrt ins Färmeltal. Der schmale Weg…





…wird bald zu einer tipptoppen Alpstrasse…





…welche durch eine herrliche Herbstlandschaft führt:





Der Blick geht ins wunderschöne Färmeltal…





…und auf den Färmelbach. Krass, diese Steinwüste!





Das Färmeltal ist einer dieser schlichten Perlen der Alpen: alte Bauernhäuser sind in wunderbare Matten und Baumgruppen eingestreut. Ausser ein paar freakigen Velofahrern hat es null Durchgangsverkehr, und touristische Infrastruktur hat es ausser Wanderwegen auch keine:





Statt direkt ins Simmental abzufahren, schleiche ich mich auf Alpsträsschen der Spillgerte davon…





…und erreiche den Hängen entlangfahrend…





…die schöne Lenk (die Lenk ist übrigens die einzige Ortschaft im deutschsprachigen Raum, die ich kenne, welche konsequent mit einem bestimmten Artikel geschmückt wird schmunzel ) :





Ich überlege kurz, noch ein bisschen den nächsten Pass hochzufahren und unterwegs zu zelten, aber es ist schon recht spät, und ich muss unbedingt meine Kleider waschen. Auf dem Touristenbüro sagt man mir, dass man auf dem Camping die Waschmaschine auch als Nicht-Gast benützen darf. Als ich dann auf dem Camping bin, mag ich nicht mehr weiterüberlegen wegen wo schlafen, und nach einem kräftigen Regenguss stelle ich mein Zelt auf.
Fürs Znacht gehe ich in die Beiz. Ein Blick auf die Karte der Naturschutzgebiete verrät mir, dass es im nächsten Tal schwierig wird mit Wildzelten. Und dann steht als Tourabschluss noch ein ganz übler Kerl von einem Pass an. Soll ich vielleicht mein Campingzeugs nach Hause schicken und so Wildzeltprobleme und mühsames Geschleppe aus dem Weg gehen? Hm, zuerst mal schlafen schmunzel
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#1445244 - 28.09.20 09:55 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
talybont
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Cliffhanger! Wird ja immer abenteuerlicher zwinker
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#1445290 - 28.09.20 23:41 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: talybont]
Biotom
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Beiträge: 414
In Antwort auf: talybont
Cliffhanger! Wird ja immer abenteuerlicher zwinker

Du übetreibst zwinker Gleich gibt's vor allem Katzen- und Kuhbilder und kaum Abenteuer lach
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Geändert von Biotom (28.09.20 23:50)
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#1445291 - 28.09.20 23:48 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
Biotom
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Tag 5: Lenk – Obere Lochberg – Trütlisbergpass – Türli – Wolfegg – Louwenesee – Lauenen bei Gstaad (Karte)

Machen wir es kurz, obwohl es lange dauerte (denn zuerst gibts ein gemütliches Zmorge im Dorf, dann müssen auch noch die Kleider und das Zelt trocknen): ich schicke das Zelt heim. Noch ein Tipp für Nachahmer: unterschätzt nicht, wie stark man den Campingplunder in den Taschen zusammenschtunggen kann – daher: schnappt euch das grösstmögliche Karton für den Versand, auch wenn es euch total übertrieben vorkommt schmunzel

Ich gehe noch einkaufen und bin danach parat fürs Abenteuer Wildnis schmunzel





Ich steige an gemütlichen Kühen…





…schönen Blumen…





…und praktischen Fahrzeugen vorbei…





…Richtung Trütlisbergpass. Beim Balemad möchte das Cutthie geradeaus, aber ich insistiere auf rechts:





Zuerst sieht es aus, als hätte das Cutthie recht gehabt, denn ich muss schieben, dass die Schuhe durchdrehen…





…aber dann wird der Weg milder, und…





…wir kommen zu tibetischen Yaks…





… Walliser Kampfkühen…





…und kirgisischen Matten (oder so ähnlich):





Es folgen ein paar Meter fahrbarer Wanderweg…





…mit Sicht auf die charakteristische Landschaft der Stübleni:





Auf dem Trütlisbergpass frage ich mich, ob ich bei der nächsten Tour nicht Via rough-stuffina-Kleber mitnehmen sollte – das würde sich vielleicht noch ganz gut machen als Zusatzbeschriftung auf den Schildern der Via alpina grins





Die schöne Traverse zum Türli, wo ich mal wieder eine grosse Pause mache, schliesslich bin ich in den Ferien:





Blick ins Turbachtal (wo’s eine herrliche Bike-Abfahrt hätte)…





…und auf das Louwenehore und den Giferspitz:





Die Südabfahrt vom Türli ist mit Dropbar und dicken Finken sehr geil zu fahren lach





Bei der Flueweid steige ich aber bereist aus und traversiere über schmale…





…und breite Wege…





…zu schönen Aussichtspunkten…





…und einer gemütlichen Kuh:





Noch ein bisschen S0-Gepurzel…





…und schon bin ich am Louwenesee, welches von Span recht schön besungen wird. Dieses Lied gehört zur Schweiz wie Rivella und Ovo (ach ja, und wenn wir schon bei Oberländer Popsongs von nationaler Bedeutung sind: bei der Blüemlisalp von Tag 1 und 2 habe ich vergessen, Polo Hofers Alperose zu verlinken - enjoy lach ).





Nach einem erfrischenden Bad und einem stärkenden Stück Kuchen in der Seebeiz purzle ich im letzten Sonnenlicht Richtung Lauenen. Ich muss sagen, ich finde den Lauener Talabschluss sehr schön! Besonders empfehlen kann ich auch die höher gelegenen Teile wie der Chüetungel und das ob der Geltenhütte gelegene Rottal (glaub beide für Velofahrer nicht so geeignet).





Im Lauener Dorfladen schäkere mit der Verkäuferin um das letzte Brot und ein passendes Stück Käse – ein herrlicher Moment! Und dann frage ich in der Autowerkstatt nach dem Weg zum Hotel Wildhorn, wo ich ein Bett reserviert habe. Ich bin sonst nicht so Auto, aber dieses Foto muss einfach sein lach Der Typ von der Garage fragt sich glaub ziemlich feste, was für ein komischer Typ da bei ihm eingelatscht ist grins




Der Empfang im Hotel Wildhorn ist sehr freundlich und das Essen fein, so dass ich den Zeltentschluss von heute Morgen nicht bereue. Und dann ist wieder Zeit zum Schlafen schmunzel
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Geändert von Biotom (28.09.20 23:59)
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#1445315 - 29.09.20 14:00 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
sugu
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Schöne Landschaft, traumhafte Bilder, super Wetter.: Da bekommt man Lust, loszuradeln. Mit dem Wetter hast du eine Punktlandung gemacht. Ich hatte für das vergangenen Wochenende ein paar Tage fürs Oberland eingeplant, aber wegen der Wetteraussichten kurzfristig storniert.
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#1445357 - 29.09.20 22:15 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: sugu]
Biotom
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Beiträge: 414
In Antwort auf: sugu
Ich hatte für das vergangenen Wochenende ein paar Tage fürs Oberland eingeplant, aber wegen der Wetteraussichten kurzfristig storniert.

Weiser Entscheid! Es hat weit weit runtergeschneit - ich habe selten ein derart übles Septemberwochenende erlebt...
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#1445383 - 30.09.20 10:28 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
qrt
Mitglied Übernachtungsnetzwerk
abwesend abwesend
Beiträge: 51
Tolle Bilder, ich mags ja etwas gemütlicher, aber wenn ich Pässe finde die ohne Verkehr und ohne schieben/tragen gehen bin ich dafür schmunzel
Vielen Dank
Kurt
May the road rise to meet you
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#1445389 - 30.09.20 11:55 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
natash
Moderator Übernachtungsnetzwerk
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Beiträge: 6490
Ich mag ja Deine Berichte, sie geben recht anschaulich Deinen ganz individuellen Tourenstil wieder und bereichern damit den Reiseberichtbereich sehr ausdrucksvoll.
Und es zeigt sich: Auch zeitlich eng gefasste Touren im erweiterten Heimatbereich sind eine Reise wert.
Merci.
Gruß
Nat
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#1445396 - 30.09.20 13:21 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: natash]
farnotfast
Mitglied
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Beiträge: 341
Wie bei jedem deiner Berichte bin ich als Bewohner einer Gegend, in der Hubel mit 100m Höhe schon als richtiger Berg gelten, sehr sehr neidisch. Und nicht nur auf die Gegend bin ich neidisch, du schaffst es auch immer, sehr schöne Routen zu planen!

Dazu habe ich auch gerade noch eine Frage. Wenn ich das richtig verstanden habe, greifst Du für deine Planung auf die swisstopo-Karten zurück. Sind Wege 5. Klasse immer grundsätzlich fahrbar? Und wie sieht das mit Wegen 6. Klasse aus? Darf man auf die überhaupt mit dem Rad und macht das Sinn? Mir fehlt da noch die praktische Erfahrung, um das selbst einschätzen zu könen.
Grüße, Stephan
mapline - Erstelle druckbare Karten entlang deiner Route

Geändert von farnotfast (30.09.20 13:21)
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#1445418 - 30.09.20 20:57 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: qrt]
Biotom
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 414
Danke für die Blumen!
In Antwort auf: qrt
ich mags ja etwas gemütlicher, aber wenn ich Pässe finde die ohne Verkehr und ohne schieben/tragen gehen bin ich dafür schmunzel

Wirf doch mal einen Blick auf die Querpass-Route: wenig Verkehr und vor allem kein/wenig Schieben und kein Tragen schmunzel

In Antwort auf: natash
...Deinen ganz individuellen Tourenstil...

Auf dieser Tour habe ich es übertrieben mit Gemurkse: im Nachhinein denke ich, ich hätte statt dem Velo ebensogut ein Alphorn, einen grosses Modellfieger oder einen Plastik-T-Rex mitschleppen können grins

In Antwort auf: farnotfast
Wie bei jedem deiner Berichte bin ich als Bewohner einer Gegend, in der Hubel mit 100m Höhe schon als richtiger Berg gelten, sehr sehr neidisch.

Witzig, mir geht es bei Berichten aus flachen Gegenden auch öfters so. Und ich habe mir nach dieser Tour mal wieder geschworen: beim nächsten Mal gehts in die Ebene, ganz sicher, Siech nomal zwinker
(Wegen den Wegen antworte ich Dir später, ok?)
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#1445419 - 30.09.20 21:03 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
Biotom
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Tag 6: Lauenen – Gstaad – Feutersoey – Blattipass – Arnensee – Col de Voré – Col des Andérets – La Palette – Isenau – Lac Retaud – Col du Pillon – Gsteig (Karte)

Eigentlich hatte ich ja vorgesehen, von Lauenen auf die Walliser Wispile zu chnorzen und von dort nach der Abfahrt nach Burg auf den Sanetschpass raufzuschieben, aber irgendwie sieht das auf der Karte fürchterlich anstrengend aus. Da fällt mir auf der Karte folgendes auf: das Tschärzis ist das westlichste Seitental des Berner Oberlands. Hm, das könnte vielleicht noch einen Besuch Wert sein, insbesondere als dort auch der Arnensee liegt.

Zuerst visiere ich die Chrine an, aber auch die sieht irgendwie anstrengend aus – und ich habe ja schliesslich Ferien zwinker Daher fahre ich an der hübschen Kirche von Lauenen vorbei…





…zum Wanderweg am Louwibach…





…welcher unschwierig und schön nach Gstaad führt. Dort schwenke ich auf die Saane um, und zwar aufwärts – auch sehr schön:





In Feutersoey überlege ich: direkt auf den Sanetsch und heute Abend zurück bei meinen Liebsten sein? Oder doch noch das Tschärzis? Ich lege meine Optionen einem alten Herr dar, mit dem ich am Saaneufer ins Gespräch komme. Recht mühsam ist er dort mit Stöcken am Wandern, aber er geniesst es – und vor allem meint er: «Öppe no chli ds’schöne Wätter gniesse». Stimmt, gute Idee schmunzel Daher mache ich mich auf Richtung Tschärzis, aber nicht auf der direkten Teerstrasse, sondern über den Blattipass, ein idealer Gravelbikepass: kilometerlang geht es auf einer Alpstrasse sanft aufwärts, dann folgen ein paar Wandermeter, um bald danach auf der anderen Seite auf einer Alpstrasse runterzuchillen. Für Wanderer und MTBler zu monoton, für Dropbar-Langweiler wie mich ideal grins Hier bin ich schon fast auf dem Pass:





Auf dem Pass esse ich Zmittag und mache neben den Silberdisteln mein obligates Mittagschläfchen. Leider werde ich von Helikoptern geweckt, welche beim nahen Walighürli Scheinlandungen durchführen. Vielleicht Übungsflüge für die dämlichste Sportart: Heliskiing…?





Der Wanderweg auf der anderen Seite des Passes:





Der Arnensee ist eine recht automobile Angelegenheit, daher purzle ich nach dem obligaten Bad schnell dem See entlang…





…Richtung Seeberg und Col de Voré. Der Aufstieg ist anspruchsvoll…





…und die Aussicht wunderschön:





Kurz vor dem Pass kann ich ein Stückchen fahren…





…und bin dann ganz überrascht: solche Ausblicke hätte ich jetzt eher in Schottland und nicht auf der bernisch-waadtländischen Grenze erwartet verliebt





Auf fahrbaren Wegen erreiche ich den Col des Andérets…





…und blicke zurück Richtung Berner Alpen:





Ich wandere noch auf die Palette und geniesse die Aussicht auf die Waadtländer Alpen:





Zurück auf dem Col des Andérets gibt es Spektakel: Alpabzug!





Die Kühe geben auf den Matten ordentlich Gas, und ich auf dem geilen Alpsträsschen nach Isenau auch grins





Beim Lac Retaud gibt es in der Beiz ein leckeres Rivella, im See ein erfrischendes Bad und auf einem Bänklein wärmende Sonne, und das alles mit Kuhglockengebimmel in den Ohren – so schön:




Irgendwo zwischen Col des Andérets und Lac Retaud habe ich sehnsüchtig Richtung Sonnenuntergang geguckt – wie cool wäre es denn, noch ein paar Tagen westwärts zu fahren, Waadtländer Alpen, Jura, Massif Central… Aber in der Seebeiz ist Maskenpflicht (an die sich niemand hält), denn in der Waadt ist die zweite Welle am Kommen – stimmt, da ist ja diese Pandemie... Irgendwie dämpft Corona bei mir die Reiselust schon ziemlich stark unsicher

Daher: zurück ins «sichere» Bernbiet! Auf dem Col du Pillon sind die Schatten schon lang…





…und das Licht wunderschön:




In Gsteig komme ich im Hotel Le Sanetsch unter – fast ein bisschen zu fest durchgestylt für meinen Geschmack, der Schuppen. Aber dem Namen nach die ideale Vorbereitung für den morgigen Abschlusspass lach
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#1445627 - 03.10.20 08:54 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
Biotom
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Tag 7: Gsteig – Längmatte – Burg – Col du Sanetsch – Savièse (Karte)

Am letzten Tag soll es nun also über den Col du Sanetsch gehen, den schönsten Strassenpass der Schweiz – leider hat’s aber nur auf der Südseite eine Strasse. Auf der Nordseite führt ein Wanderweg hoch, welcher vor 2-3 Jahren wegen Steinschlags gesperrt wurde; nun ist er wieder offen, das weiss ich. Und dann gibt es auf der Nordseite auch noch eine kleine Seilbahn, welche auch Velos mitnimmt, aber für meinen sturen Oberländer Grind kommt die natürlich nicht in Frage.
Der Sanetsch macht mich schon ein bisschen nervös: der Steinschlag, die recht eindrücklichen Felswände, und auch die über 500 Höhenmeter unvermeidbaren Wanderweg – so habe ich es zumindest auf der Karte errechnet: ich will auf guten Wegen zur Burg (welche übrigens auch recht einfach von der Walliser Wispile her erreicht werden könnte, siehe gestern) und von dort auf einem «5. Kl., Feld-, Wald-, Veloweg» zum Wanderweg bei p.1477. Was mich bei der Planung ein bisschen irritiert: der 5. Kl., Feld-, Wald-, Veloweg verschwindet beim Reinzoomen in die Karte: hier ist der Weg eingezeichnet, hier verschwindet er. Hä, was ist das los? Im Nachhinein unbegreiflich, dass ich die Situation erst vor Ort begreife, aber egal träller

Ich purzle also auf einem «4. Kl., Fahrweg (mind. 1,8 m breit)» zur Burg. Bei p.1374 hat es ein Schild Privatstrasse (recht selten in der Schweiz), aber egal, ich fahre mal weiter:





Bei der Burg sind zwei Bauern am Werken. Da ich das Privatstrasse-Schild missachtet habe, gehe ich eher diskret an ihnen vorbei und gelange zu diesem Schild:





Ich fahre ein paar Meter weiter und stelle fest: wirklich kein Durchkommen, denn der Felssturz hat den Fahrweg komplett verschüttet. Also gehe ich zurück zur Burg – Scheibe, jetzt muss ich wieder runter nach Gsteig, das heisst, die ganze gewonnene Steigung war für die Katz... Ich gehe noch rasch zu den Bauern – nicht, dass die plötzlich meinen, ich sei über den Felssturz und müsse allenfalls gerettet werden…
Der eine Bauer bestätigt, dass man wirklich nicht durchkommt – aber runter nach Gsteig müsse ich keinesfalls, denn ab der Burg habe es ja den Umleitungswanderweg Richtung Sanetsch. Und tatsächlich, da ist ein tipptopper Weg, alles fahrbar – cool! Es ergeben sich eindrückliche Ausblicke auf das Felssturzgebiet (leicht links oberhalb der Mitte), und angesichts der Wände unter dem Pass fragt man sich ein bisschen, wo wohl der Weg hochführen wird:





Nach p.1477 führt der Weg durch die Ausläufer des Felssturzes: krass, was da für Brocken runtergekommen sind schockiert





Der Wanderweg ist sehr gut ausgebaut und zwischendurch sogar unsteil genug um zu fahren:





Aber eben: ich frage mich schon 1-2x…





…wo und wie der Weg in diesem stotzigen Gelände wohl durchführen wird:





Es ist steil und grobschotterig, aber die Schieberei ist durchaus angenehm, und der Regen zum Glück nur von kurzer Dauer:





Hier nochmals eine Stelle mit der Frage: wo und wie weiter?





Ich find’s ja immer irgendwie ermutigend, an solchen Orten am Wegrand Blühendes zu finden schmunzel





Die obigen Fragen sind leicht zu beantworten: Wo weiter? Links hoch, mit vielen Spitzkehren.





Wie weiter? Auf einem durchwegs angenehmen Weg. Wer steile Schotterwege mit Spitzkehren beherrscht, wird wohl bei einer Abfahrt fast alles fahren können:





Und dann bin ich zurück in meiner Wahlheimat – schön!




Machen wir doch an der Kantonsgrenze kurz Halt und schauen uns die Geschichte des Col du Sanestch an, ist ja schliesslich quasi mein Hauspass. Der Col du Sanetsch war zu keiner Zeit ein besonders wichtiger Pass, denn er eignet sich von seiner Lage her nicht gut als Transitachse. Aber regional hat er durchaus seine Bedeutung: Im Mittelalter zum Beispiel gehörte die Region um Gsteig dem Grafen von Greyerz; aufgrund finanzieller Probleme musste er jedoch die Gegend an die Berner abtreten. Gsteig wurde so protestantisch, was den Einheimischen sehr missfiel. Und so kam es, dass sie öfters über den Sanetsch wanderten, um in Savièse ein paar Tage dem katholischen Leben (und sicher auch dem Wein zwinker ) zu frönen. In den Gsteiger Gerichtsbüchern finden sich zu dieser Zeit entsprechend öfters Einträge zu Verurteilungen wegen «Sitzens in Savièse».
Die Verbindungen zwischen Gsteig und Savièse halten bis heute an: so gehört die Alp auf der Walliser Wispile noch heute Wallisern. Sie wird aber heute über den autotauglichen Col du Pillon erreicht, denn der Sanestch hat bis heute keine Durchgangstrasse. Von der Südseite her führt eine schmale Strasse hoch, welche für den Bau der Staumauer auf der oberen Nordseite des Passes errichtet wurde. Auf der unteren Nordseite hat es aber nur «meinen» Wanderweg und die Seilbahn. Dies lässt sich wohl durch die mangelnde Bedeutung des Passes und die schwierige Topographie erklären.
Was noch bemerkenswert ist: ausser der Grimsel ganz im Osten gibt es keinen Strassenpass über die Berner Alpen. Die Autobahn über den Rawilpass wurde nicht gebaut. Das stört automobile Berner und Walliser bis heute, denn um über die Berner Alpen zu kommen, müssen sie auf den Autoverlad durch den Lötschberg zurückgreifen.


Nun aber zurück zur Tour: im Wallis ist der Wanderweg öfters fahrbar…





…und ich erreiche die erwähnte Staumauer. Von hier geht auf der Strasse noch 200 Hm hoch zum Pass. Im Nachhinein muss ich sagen: die Nordseite des Sanetsch ist gar nicht so übel, und eigentlich wäre es auch mit der Camping-Ausrüstung gut gegangen.





Die Landschaft beim Sanetschsee ist recht eindrücklich:





Auf dem Pass hat es kein Passschild, dafür aber schöne Ausblicke auf das Vorfeld des Glacier de Zanfleuron. Dieser hat vor drei Jahren auf seinem Rückzug zwei Gletscherleichen freigegeben. Es handelt sich dabei um ein Savièser Ehepaar, welches am 15. August 1942 auf dem Weg zu ihrem Vieh auf der Alp Grieden (heute Gridi) beim Col du Pillon unterwegs war (hier eine Karte der geplanten Route – ca. 30 Km und 2800 Hm!). Auf dem Glacier de Zanfleuron wurden sie von einem Gewitter überrascht und verloren wahrscheinlich den Weg. Zwei Tage später wurde Alarm geschlagen und ein Suchtrupp brach zum Gletscher auf, fand die beiden jedoch nicht. Die 7 Kinder wurden daraufhin auf verschiedene Savièser Familien verteilt. Dass anscheinend ein paar Dorfbewohner den Kindern sagten, dass sich die Eltern bloss aus dem Staub gemacht und sie somit de facto verlassen hätten, wird ihr Leiden wohl nicht verringert haben. Nach 75 Jahren konnten dann die zwei noch lebenden Kinder ihre Eltern endlich beerdigen. In diesen deutschen und französischen Beiträgen kommt die Erleichterung der Tochter eindrücklich zum Ausdruck. Eine bewegende Geschichte!





Kurz nach dem Pass erblicke ich den schönen Plan de la Fontaine und die Walliser Alpen verliebt
Die Alpen auf dem Sanetsch (u.a. die hier gezeigte) führten öfter zu blutigem Streit zwischen den benachbarten Dörfern Savièse und Conthey (z.B. hier beschrieben). Dies wirkt bis heute nach, denn die beiden Dörfer sind sich spinnefeind: Als wir frisch nach Savièse umgezogen waren, wurden wir von unseren Nachbarn eingeladen. Dummerweise brachte ich eine Flasche Contheyser Wein mit, was beim Nachbarn heftiges Stirnrunzeln auslöste lach





Die 1400 Tiefenmeter nach Savièse kenne ich gut, und entsprechend sind sie schnell vernichtet schmunzel Wegen des nicht ganz so tollen Wetters gibt’s nur ein Foto vom Abschnitt durch die Morge-Schlucht (das geübte Auge erkennt im obersten Viertel des Bildes die sehr eindrückliche Bisse de Torrent Neuf)…





…und von der Teufelsbrücke:





Im ersten Gebäude von Savièse, der Chapelle Notre-Dame des Corbelins, mache ich kurz Halt und bedanke mich für das gute Gelingen der Tour:



Und dann findet daheim bei meinen Liebsten eine schöne Tour ihr Ende schmunzel
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#1445630 - 03.10.20 09:48 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
natash
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Nocheinmal Danke für den schönen, farbenfrohen Tourbericht mit lokalen Hintergrundgeschichten.
Und die Kulisse ist auch recht ansprechend.
Ich bekomme direkt große Lust sofort loszuziehen.

Gut gefällt mir auch diese Begegnung:


Das ist ein wirklich sehr stattliches Exemplar von einem Rindvieh. Und fotogen noch dazu.

Ich selbst würde die von Dir äh gefahrenen Tour eher eine Radwanderung für Fortgeschrittene sehen, die eher mit kleinem Gepäck Freude bereitet.

Gruß
Nat
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#1445654 - 03.10.20 15:53 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
Keine Ahnung
Moderator
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Danke für den Bericht. Ich würde ja solche Strecken nicht in eine meiner längeren Radreisen einbinden. Einige Stücke würden mich aber mit MTB auch reizen.

Tolle Tour!
Gruß, Arnulf

"Ein Leben ohne Radfahren ist möglich, aber sinnlos" (frei nach Loriot)
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#1445672 - 03.10.20 20:27 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: natash]
Rennrädle
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klasse Bericht und spannend geschrieben.

Tolle tour - mein Respekt...
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#1446271 - 12.10.20 22:19 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: farnotfast]
Biotom
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Dieses Wochenende war ich nochmals im Kiental (siehe Tage 2 und 3 vom Tourbericht). Ab 1400 müM ist bereits alles in Schnee gehüllt – unglaublich früh! Die Bilder entstanden zwischen der Griesalp und der Alp Obere Dünde.







Noch zur Frage bezüglich der Wegequalität auf den Swisstopo-Karten (die Zeichenerklärungen können hier heruntergeladen werden:
4. Kl., Fahrweg (mind. 1,8 m breit): ist eigentlich immer fahrbar, aber meistens ungeteert
5. Kl., Feld-, Wald-, Veloweg: fast immer fahrbar, im Aufstieg für mich aber ab & zu zu steil. Oft schon sehr grobschotterig, daher unbedingt dicke Pneu montieren
6. Kl., Fussweg: der Name sagt eigentlich schon alles schmunzel Leider ist auf der Swisstopo-Karte schwer abzuschätzen ob fahrbar oder nicht. Im Tessin fast nie fahrbar, im Mittelland öfters, auf der Alpennordseite ab & zu. Fahrverbote sind recht selten. Hier helfen vielleicht MTB-Karten, aber wenn ich das richtig sehe, klassifizieren die auch nicht alle Wege. Daher: ausprobieren und berichten schmunzel

Vielleicht finde ich mal noch Zeit für das traditionelle Tourfazit zwinker
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#1446283 - 13.10.20 07:13 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
farnotfast
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Vielen Dank für die Nachhilfe beim Lesen der SwissTopo-Karten. Konkrete Erfahrungen sind mir bei sowas immer viel lieber als nur die Legende.
Grüße, Stephan
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#1448777 - 11.11.20 21:47 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
Biotom
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Noch zu den Tyroliennes in den Spiessen: meine Eltern haben einen Zeitungsartikel von 1984 aufbewahrt, in dem über das Thema geschrieben wird. Es hat auch 1-2 eindrückliche Bilder dabei. Hier der abfotografierte Artikel: Artikel mit Bild, Bilder, Projekt mit Bild. Ich find's noch eindrücklich wie das damals zugegangen ist!
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#1448808 - 12.11.20 17:02 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
qrt
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Danke für den Tip mit Querpass, werd ich machen
May the road rise to meet you
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#1448832 - 12.11.20 22:50 Re: Berner Oberland: auf der Via rough-stuffina [Re: Biotom]
veloträumer
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Ich hatte wohl diesen wiederum herrlichen Bericht nicht vollständig gelesen und heuer nachgeholt. Danke für die auch immer lehrreiche Lektüre mit kleinem Spezialwissen.

Die Oktoberexkursion war auch etwas Pech, das war ein Kälteeinbruch, davor und danach war/ists wärmer und mancher Schnee mittlerweile wieder geschmolzen, wie ich in einem aktuellen Postings eines Rennradlers gesehen habe (Glaubenberg ist z.B. komplett schneefrei, auch in der sichtbaren Umgebung). Ich war grob gesehen da auch unterwegs etwas nördlicher zur anderen Seite der Seen, bin aber auch nicht ganz so in den Tiefschnee, sondern nur bis zur Pudergrenze bzw. mehr drunter und auch keine Pamparouten. zwinker

Anmerkung zum Passschild Sanetsch: Ich habe noch ein Passfoto von 2007. Da ist zwar kein Passschild mit Höhenangabe, aber ein Bushaltestelle mit Aufschrift "Sanetsch - Col" - ich glaube, das kann man auch als Passschild gelten lassen. Ich hätte aber gedacht, dass wenigstens der Wanderwegweiser mittlerweile vervollständigt worden wäre, da fehlte jedenfalls 2007 auch die Ortsbezeichung mit Höhenangabe, was sonst bei dem Typ Schild fast immer vorhanden ist. Schweizer müssen aber wohl auch sparen.

Ansonsten: Auffahrt mit Bergbahn ist mir nicht unwürdig, die Alternative wollte ich nicht hochrobben, habe aber bekanntlich auch andere Ausstattung dabei.
Liebe Grüße! Ciao! Salut! Saludos! Greetings!
Matthias
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