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#1535100 - 14.09.23 14:36 Tour de France - mit leichtem Gepäck
RaDau
Mitglied
Themenersteller
abwesend abwesend
Beiträge: 3
Dauer:20 Tage
Zeitraum:27.5.2017 bis 15.6.2017
Entfernung:1500 Kilometer
Bereiste Länder:beBelgien
deDeutschland
frFrankreich
esSpanien
Externe URL:http://linktr.ee/Radau1955

Tour de France - mit leichtem Gepäck / von Düsseldorf über Vallon Pont d’Arc/Ardeche nach Barcelona
27.05.- 15.06.2017
Ich bin dann mal weg! Mit diesem Motto habe ich mich aufgemacht zu meiner ‚Tour de France‘, drei Wochen von Düsseldorf nach Barcelona, und mir meinen Traum erfüllt.
Den Anstoß für diese Tour hat eigentlich mein Vater Franz (1916-1998) gegeben, der vor genau 70 Jahren/1947 fast die gleiche Strecke mit dem Rad gefahren ist, nur umgekehrt. Er kam Ende 1944 in französische Gefangenschaft. Als er Ende 1945 entlassen wurde, wusste er nicht wohin, da seine Heimat Pommern unerreichbar war und die Familie verstreut und auf der Flucht. Also blieb er als Kriegsarbeiter (ouvrier de guerre) in Südfrankreich und arbeitete in der Landwirtschaft. Eine Zeit, wo es ihm nicht schlecht ging: es gab wohl immer gut zu essen, und die Arbeit in der Landwirtschaft lag ihm auch.
1947 hatten sich die Verhältnisse in Deutschland etwas geordnet, er hatte auch Geld von seinem Landarbeitergeld gespart und sich davon ein französisches Rad gekauft. Und damit machte er sich auf den Weg Richtung Deutschland.
Von dieser Tour habe ich leider keine Details; die einzige Geschichte, die er mir erzählt hat, betraf sein Pech mit Zweirädern. Irgendwo auf der Strecke hatte er sich auf einer Wiese zum Schlafen gelegt. Während er schlief, kamen Pferde und trampelten auf seiner Rennmaschine rum. Das Rad musste repariert werden, und irgendwie hat er es dann auch bis Hannover geschafft.
Er ist 1998 gestorben, er wäre jetzt 101.
Insofern ist es nicht nur meine Tour de France, sondern auch eine Tour de Franz.


1. Tag Samstag: Düsseldorf-Aachen
Ich starte um 9h nach einem guten Frühstück in der Rheinallee. Blauer Himmel, Temperatur schon über 20 Grad. Nächster Stopp am Kaarster See mit einer kleinen Erfrischung. Anschließend an der Niers und am Schloss Rheydt vorbei über herrliche Wege und Nebenstraßen nach Erkelenz. Ab Erkelenz dann über die B57 mit Vollgas und Rückenwind auf dem Radweg Richtung Aachen.
Als ich in Aachen ankomme, zeigt das Thermometer schon weit über 30 Grad.
Ich tauche in die Welt Karls des Großen ein, Begründer des Frankenreiches, am Denkmal vor dem Rathaus. Übernachtung bei der Cousine in Eschweiler.


2. Tag Sonntag: Aachen/Maastricht –Brüssel
Ich überbrücke die Strecke Aachen-Maastricht mit dem Bus und starte in Maastricht wieder bei strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen. Die Strecke führt schnurstracks nach Westen, über Tondern, Sint Truiden, Loewen nach Brüssel. Der Wind weht leicht aus Ost und schiebt mich wie von Geisterhand. Ich fahre meist auf Radwegen und bedauere, dass ich mir keine Zeit für die schönen Bauwerke in Tondern und Sint Truiden nehme.
Ich komme rechtzeitig zum Sonnenuntergang in Brüssel an und übernachte bei meinem Freund Jean Jacques.


3. Tag /Montag: Brüssel – Waterloo - Compiegne/monument de Amistice
Ich bin schon oft durch Brüssel und Belgien gefahren, habe aber nie in Waterloo gehalten. Heute starte ich früh und komme kurz nach 9h in Waterloo an. Ich halte kurz am Haus, in dem Wellington im Juni 1815 sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, und fahre weiter zum Denkmal außerhalb der Stadt, wo auch das Museum liegt. Und beschäftige mich mit dem berühmten Spruch von Wellington: “I want night or Blucher!”
Und es wurde Nacht, und die Preußen kamen! Und verpassten Napoléon und seiner Armee am 18. Juni 1815 eine vernichtende Niederlage, und ihm ein one-way Ticket nach St Helena.

Ich genieße die wunderschönen Wege entlang der Sambre im Grenzgebiet zu Frankreich und nehme in Maubeuge den Zug nach Compiegne.
Compiegne war das Headquarter der Alliierten im 1. Weltkrieg, dort wurde auch im Eisenbahnwaggon der Waffenstillstand mit den Vertretern des deutschen Volkes geschlossen.
Ich navigiere vom Hauptbahnhof aus zum Foret de Compiegne außerhalb der Stadt, wo das Museum mit dem berühmten Eisenbahnwaggon steht. Ich verfahre mich einmal und komme um 17:35h am Museum an. Man weist mich darauf hin, dass Einlass nur bis 17:30h sei (das Museum war offiziell bis 18h geöffnet), und schließt mir dann um 17:40h nach Verlassen der letzten Besucher die Tür vor der Nase zu. Auch Bitten und Flehen hilft nicht! Nicht einmal für ein Foto vom Waggon für 10 Minuten!

Ich beschäftige mich mit den Rahmenbedingungen des Waffenstillstandes von 11.11.1918 und gehe der Frage nach, warum bei den Verhandlungen niemand vom deutschen Generalstab vertreten war. Die Antwort ist ganz einfach: Die neue deutsche Reichsregierung legte Wert auf einen Neuanfang und bestand darauf, dass kein Vertreter des Generalstabs bei den Verhandlungen dabei war.
Ich suche mir einen Campingplatz im malerischen Pierrefonds und schaffe es gerade noch, mein Zelt vor einem schweren Gewitter aufzubauen.
Die nächste Etappe führt nach Versailles, wo im Spiegelsaal des Versailler Schlosses 1871 die deutsche Reichsgründung sowie die Kaiserkrönung von Wilhelm I. stattfanden. Vor den Toren des von den Preußen belagerten Paris! Was für eine Schande für das französische Volk!! Im Allerheiligsten von Ludwig XIV!!! Wie sehen das eigentlich heute die Franzosen??
Dem werde ich morgen mal in Paris und Versailles nachgehen ...

4. Tag Dienstag: Compiegne - Paris
Ich fahre 50km im leichten Regen, nehme danach den Zug und komme am Gare du Nord in Paris an.
Ich lasse mein Gepäck in einem Hotel neben dem Moulin Rouge und fahre am Arc de Triomphe vorbei durch den Bois de Boulogne zum Schloss nach Versailles.

Versailles:
Wie sehen die Franzosen die Ereignisse, die sich 1871 in Versailles, vor den Toren Paris, abgespielt haben, heute?
Die meisten Franzosen, die ich angesprochen habe, verbinden das Datum 1871 mit dem Vorfrieden vom 26.02., nachdem am 28.01. Paris kapitulierte und die Preußen am 29.01. die Belagerung aufhoben. Das, was sich in Versailles auf Seiten der Preußen und Deutschen abspielte, hat man in Frankreich weitgehend verdrängt.
Die Ereignisse der Reihe nach:
Paris war nach dem Blitzkrieg seit dem 19.09.1870 von der preußischen Armee eingeschlossen und wurde belagert. Der Preußenkönig mit seinem Militärstab hatte sich Versailles als Hauptquartier ausgesucht.
Mitte Januar 1871, als die Lage im belagerten Paris immer brenzliger wurde, die Nahrungsvorräte gingen dem Ende zu und täglich schlugen im Zentrum von Paris bis zu 400/500 Granaten ein, da unterzeichneten die Vertreter Preußens unter Wilhelm I. und Bismarck und die Vertreter der deutschen Einzelstaaten die Verträge für die Reichsgründung des Deutschen Reiches – im Schloss von Versailles, dem Heiligtum der Franzosen seit Louis XIV.
Nur einen Tag später – am 18.01.1871 – fand die feierliche Kaiserkrönung von Wilhelm I. im Spiegelsaal vom Versailler Schloss statt.
Alles Ereignisse, die mir aus heutiger Sicht recht merkwürdig vorkommen. Auch, wenn die heutige Generation (glücklicherweise) diese Vorkommnisse nicht mehr vor Augen hat, so kann man verstehen und nachvollziehen, dass Generationen von Franzosen gegenüber den ‚Boche‘ die Fäuste in der Tasche geballt hatten. Und wie das Revanchedenken – mit gigantischen Reparationsforderungen - sich wie beim Pingpong entwickelte: 1919 mit den Pariser Verträgen, 1940 mit dem Vertrag von Compiegne und 1945 mit der letztmaligen Auseinandersetzung.
Meine Brieffreunding Isabelle
Nach dem eindrucksvollen Besuch im Schloss mache ich einen kleinen Abstecher in den Ortskern von Versailles. In der Ave de Villeneuve L’Etang wohnte mal eine Freundin, Isabelle. Ich hatte sie 1981 kennengelernt, als ich nach dem Studium in Manhattan im Vertriebsbüro der German Rail gearbeitet habe. Zu der Zeit war sie gerade 18 (und ich 25) und machte ein Austauschjahr in New York. Ein Jahr später/1982 hatte ich sie in Versailles besucht und wurde von ihren Eltern zum Essen eingeladen.
Nach einem kurzen Briefwechsel gingen die Wege auseinander. Als ich am Haus ankomme, klingele ich. Als sich niemand meldet, werfe ich eine Postkarte in den Briefkasten mit einem Gruß und meinen Kontaktdaten.
Tracy aus Halifax
Am Schloss in Versailles treffe ich Tracy und verabrede mich mit ihr auf ein Bier (pardon: jeder eins! = 2) auf der Champs Elysee. Tracy kommt aus Halifax/New Scocia (Kanada) und hat sich drei Monate Urlaub genommen, ihre Wohnung untervermietet, um durch Schottland, Frankreich, und anschließend Bali und Australien zu touren. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ ist ihr Wahlspruch.
Tracy hat in der Schule Französisch gelernt und ist froh, dass sie nach langer Zeit mit mir mal wieder die Sprache sprechen kann.
Sie hat eine App, die ihre zurückgelegten Strecken aufzeichnet. Dabei kommt sie zu Fuß auf 12 – 16 km am Tag. Mit so viel hätte ich nicht gerechnet! (Sie hat mir nach einer Woche ein Mail geschickt: Frankreich hat ihr so gut gefallen, dass sie Ihren Aufenthalt hier verlängert und Bali gestrichen hat.)

Eindrücke in Paris:
Paris ist und bleibt eine wunderschöne Stadt. Allerdings hatte ich sie auch schon sauberer in Erinnerung. Vieles hat sich geändert. Das erste Mal, als ich 1972 durch Paris trampte, hatte ich meinen Schlafsack am Nordostpfeiler vom Eifelturm ausgebreitet. Und wurde um 6h morgens recht ‚höflich‘ von einem Flic geweckt mit den Worten: „Ca va pas ici!!!“

Und ein Jahr später (1973) erinnern mich Fotos daran, wie ich mit meinem ersten Auto (Opel Olympia Bj. 1968) unter dem Eifelturm parkte (!!!!). Heute ist alles abgeriegelt, und man kommt mit dem Rad nicht mal bis zur Gepäckkontrolle.
Dafür habe ich es jetzt genossen, mit dem Rad wie der Blitz über die ‚Piste de velo‘ und durch den stehenden Verkehr zu düsen. Und natürlich eine Ehrenrunde um den Arc de Triomphe!
Das gab es früher nicht.
Ein Wort zu den Parisern: Bei meiner Fahrt durch Paris, den Bois de Boulogne und nach Versailles habe ich oft nach dem Weg gefragt. Die Frauen, oft in Jogging-Kleidung und mit Schmuck und Uhren behängt wie ägyptische Mumien, wendeten sich konsequent ab und gaben vor zu telefonieren (was sie auch oft taten!!). Sie betrachteten mich wohl als Clochard und wollten keinen Kontakt. (Oder lag es daran, dass ich länger nicht die Socken gewechselt hatte und die Dusche auf dem Campingplatz nur eiskalt war??)
Ein Vorfall ist sehr bezeichnend für die Sturheit der Pariser im Straßenverkehr: Ein (unbesetztes) Taxi und eine Autofahrerin fahren nebeneinander auf eine Kreiselausfahrt zu. Ich warte an der Kreuzung auf Grün, die beiden fahren direkt auf mich zu. Es ist abzusehen, dass Ihr Kurs sich irgendwann kreuzen wird. Beide blicken stur nur geradeaus, nicht einen Millimeter nach links oder nach rechts. Dann schrammen sie aneinander und drängen sich gegenseitig ab, halten an. Bleiben im Auto sitzen, beschuldigen den anderen mit Gesten und Gerede. Die Frau raucht dabei in Ruhe weiter ihre Zigarette. Irgendwann setzt das Gehupe ein, und die beiden verständigen sich aufs Weiterfahren und einen Stopp hinter der Kreuzung.

5. Tag Mittwoch: Paris – Sancerre
In Gien an der Loire begegnet mir Tege. Er kommt aus Montpellier und hat sich in den Kopf gesetzt, mit dem Rad nach Versailles zu fahren (und wieder zurück!!!!!!!!!!!). Er fährt mit ganz leichtem Gepäck, mit Zelt, aber ohne Kocher.
Als wir uns treffen, haben wir beide exakt 500 km auf’m Tacho. Allerdings ist Tege über Ales und Clermont Feront durch die Servennen gefahren, und ich will die Berge umgehen und durchs Rhonetal nach Süden fahren.
Tege hat mir seine Telefonnummer gegeben und mir ein Bett in Montpellier angeboten, wenn er bis nächste Woche wieder zurück ist.

Sancerre/Frau in Grün
In Sancerre fällt mir ein Mütterchen an einer Hausmauer auf, weil ihr T-Shirt die gleiche Farbe hat wie meins: giftgrün.
Sie streicht die großflächige Gartenmauer und Toreinfahrt, in der Hand hält sie ein Pinselchen, mit dem man eher kleine Gegenstände streichen würde.
Vor ihr steht ein Schubkarre, in die sie ihre Farbeimer gekippt hat und wo sie das Pinselchen regelmäßig eintaucht. Das sieht sehr lässig aus, wie sie mit dem Pinselchen immer wieder in die Schubkarre taucht. Sie lässt sich auch nicht durch den Verkehr auf der Route National aus der Ruhe bringen und streicht gleichmäßig weiter.

Sancerre Domaine de Tissier
In Sancerre besuche ich die Domaine de Tissier, Roland und Frederique Tissier. Ich hatte beide vor 5 Jahren auf dem Flug von Havanna nach Paris kennengelernt und ihnen versprochen, mal vorbei zu kommen. Roland und sein Bruder bewirtschaften das Weingut in der dritten Generation, insgesamt ca. 10 Hektar Weinberge, überwiegend Sauvignon Blanc, und ca 10% Pinot Noir. Gesamtertrag sind ca. 100.000 Flaschen pro Jahr, davon 2/3 fürs Ausland. In Deutschland haben sie bisher keine Kunden.

Frederique kümmert sich um den Haushalt und die vier Kinder und arbeitet auch noch als Lehrerin in der Grundschule. Sie reisen viel (Kuba, Südafrika), aber in Deutschland waren sie noch nie. Ich erzähle Ihnen vom Weingut Düringer am Kaiserstuhl, wo ich Ende Juli sein werde, und sie werden neugierig und lassen sich von mir die Adresse geben.
Am nächsten Morgen fährt Frederique mit ihrem zweiten Sohn Wein ausliefern, und sie nehmen mich mit bis Nevers (50 km).
Frederique zeigt mir stolz die Korrespondenz mit Elfriede Düringer: sie hat die spontane Buchung und die Zimmer für die Familie Tissier schon bestätigt; wir sehen uns also wieder nächsten Monat am Kaiserstuhl!!!!
6. Tag Donnerstag: Sancerre – Nevers - Digoin / Katamaran mit 3M
Kurz hinter Nevers überhole ich am Kanal einen Katamaran, winke und frage, ob sie mich ein Stück mitnehmen. Sie halten an und nehmen mich mit Bike an Bord.
Es sind die 3M, Markus, Manfred und Margit, alle aus Österreich. Sie haben sich in Kroatien kennen gelernt und teilen die Begeisterung fürs Segeln.
Markus ist aus Tyrol und hat als Software-Experte bei der österreichischen Bundesbank gearbeitet. Seit 5 Jahren ist er Frührentner, und genießt sein Leben auf dem Wasser. Er hat den Katamaran in Bremen gekauft (für 35T€), überholt und schippert jetzt über die Kanäle – Weser, Ostfriesland, Ijsselmeer, Antwerpen, Lille, Compiegne, Paris, Loire, Saone, Rhone zum Mittelmeer und dann über Barcelona, die Straße von Messina nach Kroatien. Insgesamt hat er dafür – mit Unterbrechung 4 Monate (April bis September) eingeplant.
Über seine Website https://mit-segeln.jimdo.com/ können sich Mitsegler auf den einzelnen Etappen einbuchen. (man beachte seinen Schiffs-Tagebucheintrag vom 01.06.2017/über den Radler!!!)

Manfred und Margit sind beide aus Graz, sind von Graz nach Paris geflogen, und dann in Briare am Kanal/an der Loire zugestiegen. Sie werden Markus bis Barcelona begleiten.
Manfred hat ein Baugeschäft, das sein Sohn weiterführt. Von seiner Frau hat er sich nach 40 Jahren getrennt, jetzt tourt er mit Margit vornehmlich übers Wasser. Er hat ein großes Boot in Kroatien, nutzt aber jede Gelegenheit zum Mitsegeln auf anderen Schiffen.
Margit hat schon viel von der Welt gesehen, ist mit ihrem Mann, der für eine österreichische Papierfabrik gearbeitet hat, lange Zeit in Australien, Neuseeland und Brasilien gewesen. In Brasilien ist ihr Mann vor ein paar Jahren bei einem Verkehrsunfall verunglückt. Jetzt hat sie Manfred kennengelernt, und geht mit ihm auf Segeltörn. Margit träumt von Indien und möchte ihre nächste Reise dorthin machen.
Die Atmosphäre an Bord und die Fahrt über den Kanal mit den Schleusen lässt mich an ein Buch denken, dass ich vor einem Jahr gelesen habe: das Lavendelzimmer von Nina George. Wo der Pariser Buchhändler Jean Perdu mit seinem Bücherschiff in Paris aufbricht, um das Geheimnis seiner vor 21 Jahren verschwundenen Liebe Manon auf den Grund zu gehen, und über die Kanäle der Loire, Saone, Rhone bis in die Provence schippert. Empfehlenswert zu lesen.
Das Schiff tuckert mit einer Geschwindigkeit von ca. 8-9km/h über den Kanal der Loire. Alle 3-5 km kommt eine Schleuse, der Schleusengang dauert zwischen 30 und 60 Minuten. D.h. für15 km brauchen wir - ohne Mittagspause – ca. 4 Stunden. So würde ich in diesem Jahr nicht mehr in Barcelona ankommen.
Ich danke allen für die Mitnahme, die guten Gespräche und die gute Gastronomie und Beköstigung an Bord.

7. Tag Freitag: Digoin - Lyon / Mme

In Lyon besuche ich die Mutter von meinem Freund Jean-Jaques. Ich kenne sie seit 40 Jahren und habe auch mal kurze Zeit bei der Familie gewohnt, als ich für die Conti in Lyon war. Sie ist 84 Jahre, hat am gleichen Tag wie ich Geburtstag (Widder), und bedauert, dass sie nicht mehr zur Gymnastik gehen kann, ist aber für ihr Alter noch topfit. Ihre Mutter ist gestorben, als sie noch ein Kind war, dadurch hat sie eine nicht leichte Kindheit gehabt, ist dann aber durch den Sport – Turnen, Tanzen - sehr selbständig geworden. Sie zeigt mir ihre Fotoalben mit tollen Fotos von den Wettkämpfen Ende 1939. Sie heiratet mit 18, geht mit Ihrem Mann in den Kolonialdienst, erst nach Indochina, Algerien, Djibouti und zum Schluss Madagaskar. In dieser Zeit werden zwei Kinder geboren, Jean-Jacques und seine Schwester. Mitte der 60er Jahre kehrt die Familie nach Lyon zurück. Heute kümmert sie sich um ihre 4 Enkel, und erwartet in diesem Jahr 2 Urenkel. Ihr Mann Paul, mit dem sie über 70 Jahre zusammen war, ist vor zwei Jahren im Alter von 89 gestorben.


Fahrrad-Tunnel in Lyon
Jeder, der auf dem Weg in den Süden Frankreichs ist, kennt den Tunnel in Lyon. Ich bin gefühlt schon 100 Mal durch dieses Nadelöhr gefahren, von Nord nach Süd und umgekehrt. Und meist gab es ‚bouchon‘ (Stau), vor allem im Berufsverkehr oder an Reisewochenenden. Ich wusste nicht, dass es einen Fahrradtunnel gibt. Ca. zwei km lang, hell erleuchtet und blitzblank. Ich wundere mich, dass Radfahrer vorm Tunnel anhalten und sich Sachen überziehen.
Im Tunnel ärgere ich mich, dass ich nicht auch angehalten habe. Die Temperatur geht schlagartig von 28 Grad draußen auf 14 Grad im Tunnel runter. Also Gas geben und durch!!!!


8. Tag Samstag: Lyon – Montelimar - Vallon
Herve
Im Zug von Lyon nach Valence treffe ich Herve. Er ist aus der Gegend von Auxerre, arbeitet bei der SNCF, und hat seine Rennmaschine in einem Bike-Sack dabei. Er trifft sich mit 4 Freunden in Valence, sie haben eine große Gite mit Pool gemietet, und wollen mit den Rennrädern über die Pfingsttage die Strecken der Tour de France abfahren.
Er erzählt mir von seinen Pass-Touren nach Alpe d’Huez, Galibier, TourMalet und zum Mont Ventoux (da bin ich mit meinem Sohn auch vor 5 Jahren hoch: 21 km/1.990m Anstieg mit 12% Steigung).
Sein Rennrad hat vor 5 Jahren 3.500€ gekostet und wiegt 7,5kg. Zum Vergleich: mein 2Danger von B.O.C. wiegt (ohne Gepäckträger) 9kg, und 2005 hat es 800€ gekostet.


Gepäcktransport auf der letzten Etappe über die Ardeche-Berge
Bisher war die Strecke überwiegend eben, abgesehen von kleinen Steigungen. Sobald es aber hochgeht, merke ich mein Gepäck von ca. 20kg. Als hinter Montelimar am Dorf St Montan die Ardeche-Berge anfangen mit 500 m Höhendifferenz, suche ich eine Transportgelegenheit für mein Gepäck und treffe Peter und Angela aus Freiburg, im VW-Bus mit Ihren beiden Kindern Ole und Lotta. Sie machen in St Montan grad eine Wickelpause, und wollen nach Vallon Pont d’Arc auf einen Campingplatz. Ich empfehle ihnen den Mondial-Camping, und so kommt mein Gepäck bequem direkt auf den für mich reservierten Zeltplatz.




Ohne Gepäck fährt es sich fast wie mit einem
E-bike. Ankunft in Vallon : Je Suis Arrive en Ardeche! Un Grand Tour jusqu' ici. Une semaine repos a Vallon.

Begegnung mit einem Palettenwagen / Schutzengel gehabt
Bisher hatte ich auf der Tour keine Vorfälle, die ich als gefährlich einstufen müsste. Selbst in Paris konnte man auf den piste de velo gut dem Verkehr ausweichen. Und auf den Landstraßen hatte ich das Gefühl, dass die LKW-Fahren immer sehr viel Rücksicht beim Überholen nahmen.
Zwischen Nevers und Decize (an der Loire) passiert allerdings etwas, dass mich fast Kopf und Kragen gekostet hätte. Ich fahre auf der Landstraße neben dem Kanal, kaum Verkehr, als mich ein kleiner offener Lastwagen überholt, auf dem auf zwei Stapeln jeweils mindestens 8 Euro-Palletten hintereinander gestapelt sind.
Der vordere Stapel ist mit einem Spanngurt gesichert, während der Spanngurt für den hinteren Stapel sich losgemacht hat und hinter dem Fahrzeug über den Asphalt tanzt, und dabei mit dem Metallteil Funken schlägt. Mein Glück ist, dass der Gurt auf der Fahrerseite festgemacht war, so verfehlt mich das Eisenteil um vielleicht einen Meter. Und die Palletten fingen auch schon an, Rock n Roll zu tanzen.
Der Fahrer wird wohl durch mein Winken aufmerksam, hält sofort an und befestigt den Spanngurt neu. Ich habe nicht den Eindruck, dass ihm bewusst war, wie gefährlich seine Aktion war, und was hätte passieren können. Ich hatte die Wahl, von dem Spanngurt massakriert oder von den tanzenden Palletten zerquetscht zu werden.
Für mich ist es ein Rätsel, warum der Fahrer nicht 4 kleinere Stapel – statt 2 hohe - gepackt hatte, Platz war genug auf dem LKW.


Ich war so geschockt und froh, heil davon gekommen zu sein, dass ich nicht daran dachte, ein Foto zumachen. Danke an den Schutzengel!!!!!!!!!!!
Ersatzweise habe ich eine Skizze angefertigt, so ähnlich sah das Gefährt aus (man achte auf den tanzenden Spanngurt hinter dem LKW).



Ergänzung zu meinen Eindrücken: Fahrrad im Intercity+TER in Frankreich und auch in Spanien
Meine Erfahrungen mit der Fahrradmitnahme im Zug waren unterschiedlich. Positiv war, man brauchte keine Reservierung, und die Mitnahme ist kostenlos in den Regionalzügen sowie TER und IC.
Während aber der TER relativ viel Platz hatte – 6 Haken senkrecht und ein Großraum-Abteil mit Klappsitzen, so dass selbst am Pfingstsamstagmorgen bis zu 12 Räder + Kinderwagen Platz fanden, hatte der IC dagegen nur ein kleines Abteil, wo man die Sitze entfernt hatte, ohne Haken oder Bügel zum Festmachen. Und es war nicht einfach, mit Gepäcktaschen vom Gang in das Abteil zu manövrieren.
Dabei fiel mir ein Phänomen auf, das wahrscheinlich zuhause genauso auftritt. Wenn ich beim Ein- oder Aussteigen mich umschaute nach jemanden, der mir helfen konnte, fand ich überwiegend nur Passagiere, die headphones im Ohr hatten oder sich mit Ihren Smartphones beschäftigten. Alle bewegten sich irgendwo in einer anderen Sphäre, auf einem anderen Stern. Kaum jemand, der mal von sich aus angeboten hätte zu helfen. Und wenn ich dann jemanden anspreche ‚S’il vous plait‘, nimmt man sich die Headphones aus den Ohren und fragt zurück auf Französisch „ÄÄÄHH?“ (auf deutsch „Häh?“ )
Und nach einer kurzen Verständigungsphase kommt dann auch ein höfliches „Bien suuuuur!“
Isabelle / Versailles
Isabelle, meine frühere Brieffreundin aus Versailles hat geantwortet!!! Ihre Mutter hatte meine Nachricht gefunden und an sie per Post weitergeleitet. Sie wohnt jetzt mit Ehemann und drei Töchtern im Südwesten Frankreichs, zwischen Bordeaux und Biarritz. Ich wollte sowieso mal wieder an den Atlantik…..
Sie ist jetzt meine neue Face Book-Freundin.

9.-14. Tag: Camping Mondial, Vallon Pont d’Arc
Zur Untermiete mit meinem kleinen Zelt, in meinem großen Zelt / souslocataire

Robert / der Gärtner
Ich halte in Salavas (Vallon/Ardeche) an, um zu trinken. Dabei lerne ich Robert kennen, der seinen Acker umgräbt. Robert ist seit Januar ‚en retraite‘, und kümmert sich um seinen Garten. Neben Tomaten hat er Erdbeeren, Schoten und Kürbisse (Tomate, fraise, petite pois/cosse, courge) gepflanzt. Ich frage ihn, warum keine Kartoffeln?
Er antwortet, die bräuchten zu viel Platz.


Mari und Jacques/Wandern an der Ardeche
Mit meinen Camping-Freunden wollen wir hinter Labastide de Virac eine Rund-Wanderung an der Ardeche machen und treffen am Ausgangspunkt, dem Camping am Mas de Serre, auf Marie und Jacques. Sie sind aus Clermont Feront, haben eine Tochter, waren schon überall in der Welt, aber noch nie an der Ardeche. Sie machen die gleiche Wanderung wie wir, allerdings in umgekehrte Richtung. Auf der Hälfte der Wanderung treffen wir sie unten am Ufer der Ardeche wieder und verabreden uns auf ein Bier am Ausgangspunkt der Wanderung. Die Bar am Camping ist zu, also treffen wir uns in Labastide, wo Jacques in einem Laden die ganzen Biervorräte aufkauft. Das Treffen artet in eine Happy Hour Party aus, Jacques erweist sich als sehr lustig und redselig. Er hat früher im französischen Rugby-Nationalteam gespielt und sieht mit seinen 61 Jahren noch topfit aus.
Mari: merci pour le rencontre et la biere!!
Mein Rad und ich


Mein Rennrad – Vuelta/2danger – habe ich vor 12 Jahren bei B.O.C für 800€ gekauft. Übersetzung 3x9. Als Reifen sind montiert Schwalbe Marathon (greenGuard), mit Kevlar-Einlage, damit kann ich auch über Schotterpisten fahren, und hatte seit Jahren keinen Platten. Auch nicht auf meinen Touren durch Litauen, Russland und Polen. (Dann aber am ersten Tag des zweiten Teils, bei Ales! )
Das Gepäck hängt hinten am Rennrad-Träger (ca. 60€, mit verlängerter Achse, sehr empfehlenswert) und vorn auf dem Triathlon-Bügel (ca. 20€). Das Zelt ist am Rahmenoberrohr befestigt.
Das Rad wiegt ca. 9kg, mit Anbauten 10kg, mein Gepäck (mit Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher, Outdoor-Geschirr, Satteltaschen, Klamotten (für 3 Wochen!), Sandalen, Surface, Handy, Kamera, jeweils mit Netzgeräten) ca. 17kg, zzgl. 3kg Wasser+Proviant = insgesamt also 20kg.
Insgesamt muss ich 120kg (ich/90 + Rad/10 +Gepäck/20) in Bewegung setzen, wenn ich vorankommen will. Eindeutig zu viel!! Vor allem bei Steigungen. Ich werde mich für die Tour/Teil2 (Ardeche-Barcelona) von Kocher/Pötten und warmen Sachen trennen (ca 6kg).
Worauf kommt es beim Fahren an? Um auf diesen langen Strecken möglichst wenig Energie zu verbrauchen, ist es wichtig, mit dem Rad immer in Bewegung zu bleiben. Und möglichst immer im idealen Gang. Schalten wird also zur Dauerbeschäftigung. Vor allem rechtzeitiges Runterschalten an Kreuzungen und Anstiegen. Trinken und Essen übrigens auch! Hunger und Appetit werden zum ständigen Begleiter. Die ersten Tage hatte ich das Gefühl, einem Krampf in den Beinen nahe zu sein. Seitdem habe ich jeden Tag 2-3 Bananen gegessen, und es hat geholfen.
Morgens creme ich alle Körperteile, die mit dem Rad Kontakt haben, mit Melkfett ein: die Füße, ein wenig die Hände, und vor allem die Körperteile, die mit dem Sattel in Berührung kommen. Ich nutze den Sattel zwar nur als Stütze und nicht als Sitz – wer im Sattel sitzt, dem tut der Hintern garantiert nach 50km weh –, vermeide aber so Reizungen an der Haut.
Wenn möglich, mogle ich mich an Kreuzungen und roten Ampeln im Schritttempo an den Autos vorbei. Anhalten würde einen Neustart erforderlich machen, und das kostet mit dem Gepäck viel Kraft. Ich habe das Gefühl, dass 10 stop-and-goes mehr Energie verbrauchen als 20km gleichmäßiges Fahren.
In Belgien - gleich am zweiten Tag, einem Sonntag, auf der Strecke zwischen Maastricht und Brüssel – pirsche ich mich an einem Auto vor einer roten Ampel vorbei und überquere die Kreuzung bei Rot. Im Vorbeifahren sehe ich im Augenwinkel, dass die Frau in dem grünen Kleinwagen eine Uniform trägt. Sie fährt bei Grün los und hinter mir her. Auf meiner Höhe kurbelt sie das Seitenfenster runter und erteilt mir auf Flämisch eine Lektion. Ich sage ‚sorry‘ und lächle sie an. Sie lächelt nicht zurück, kurbelt das Fenster hoch und gibt Gas.
Trotzdem hat Sicherheit oberste Priorität. Hände immer am Lenker und an den Bremsen, die anderen Verkehrsteilnehmer ständig im Auge. Normale Geschwindigkeit liegt bei 25kmh, bei Rückenwind etwas mehr, bei Gegenwind etwas weniger. So bewege ich mich zwischen 20 - 30km; auf 850 km und einer Fahrzeit von 42h (an 8 Tagen/Teil1) ein Schnitt von 20km/h. (TdF/Part 1)
Nach einer Eingewöhnung an den ersten beiden Tagen läuft es anschließend wie geschmiert. Das Fahren macht richtig Spaß. Ich habe das Gefühl, eins mit dem Rad zu sein. Der Lenker, die Griffe, der Sattel und die Pedale stellen eine Verbindung her zum ganzen Rad. Sobald das Vorderrad eine Unebenheit meldet, wird der Sattel entlastet, geht der Hintern hoch. Ich spüre die Kette, wie sie in die Zahnräder greift und die Kraft auf das Hinterrad bringt. Ich spüre auch, wenn Vorder- oder Hinterrad zu wenig Luft haben, oder die Kette einen Tropfen Oel braucht. Sowie die Trittfrequenz sich ändert, wird geschaltet und die Kraft, die auf die Pedale geht, bleibt gleich. Meine ideale Trittfrequenz liegt geschätzt bei ca 60/min. Bei Geschwindigkeiten ab 30km/h fange ich an zu Schwärmen und gleite dahin. Bei Abfahrten und höherem Tempo ab 50 km/h setzt ein Rausch ein, ein Gefühl der Schwerelosigkeit. Dann wird es gefährlich und besondere Vorsicht ist geboten. Jeder noch so kleine Stein, jede Unebenheit, ein Loch in der Fahrbahndecke, ein Tannenzapfen, Sand oder in Kurven Oeltropfen können das Ende der Tour bedeuten. Daher scannt ein Auge immer die vorausliegende Fahrbahn ab, während das andere Auge den Verkehr beachtet. Ganz besonders kritisch auch die Wasserrinnen auf Radwegen in Belgien an Straßeneinmündungen. Ich würde diese Rillen als reine Felgenkiller bezeichnen.
Die Temperatur lag an den ersten beiden Tagen bei über 30Grad, anschließend um die 25Grad (auf dem zweiten Teil nach Spanien immer weit über 30Grad!). Durch den Fahrtwind werden auch Temperaturen über 30Grad erträglich, allerdings steigt dann auch der Flüssigkeitsbedarf. 5 halbe Liter am Abend sind dann keine Seltenheit. Bei einem Bierpreis von 7€ auf der Champs Elysee in Paris ist das schon ein teures Vergnügen.



Pierre
Wenn ich mal irgendwann nicht mehr arbeite, stelle ich mir vor, so zu leben wie Pierre: vivre comme dieu en France!!

14. Tag / Fr. 09.06.2017
Dommage, c’est le dernier jour du repos! Demain commence le premier jour du part 2 de la Tour.
Morgen die erste Etappe vom Teil 2, Ardeche – Barcelona. Angesagt sind 35 Grad, nachmittags Wind aus Südwest (Gegenwind) und Berge! Mal sehn ...

Ohnmacht in Vallon
Eine Geschichte noch vom letzten Tag in Vallon. Ich hatte meinen Kamera-Akku im Fotoshop in Vallon aufladen lassen und ihn dann kurz vor Ladenschluss abgeholt. Als ich gerade auf mein Velo steigen will, kommt auf der anderen Straßenseite (aus Richtung vom Bäcker, wo wir immer unser Baguette morgens holen) eine junge Frau. Ca. 30 Jahre alt, ungefähr 178 cm groß, schlank, kurze kastanienbraune Haare, sie trägt eine Blue Jeans und ein enganliegendes T-Shirt. Hat einen sportlichen Gang und eine traumhafte Figur, wie aus dem Bilderbuch.
Mein Herz sackt in die Hose, die Knie werden weich. Mir fallen die Augen aus dem Kopf. Mir ist das Ganze total peinlich.
Und was macht sie? Sie wirft mir einen sanften Blick zu, und haucht mir ein „B o o n J o o o u u u r“ zu. Dann überquert sie die Straße auf meine Seite und verschwindet um die Ecke.
Meine Knie sacken weg und ich werde ohnmächtig.
Auch das ist Frankreich. Man grüßt immer und überall. Jung grüßt alt und alt grüßt jung. Selbst Jugendliche im pubertären Alter werfen einem ein ‚Bon Jour‘ zu. Etwas überrascht war ich allerdings in einer Bar an der Loire, wo ich morgens an meinem Computer saß und das Wifi nutzte. Und auf einmal ein Typ – mindestens so alt wie ich – auf mich zukam und mir die Hand hinhielt. Ich dachte im ersten Moment, er sei dement oder so. Dann sah ich, dass er die anderen beiden in der Bar auch so begrüßte. Und der nächste, der in die Bar kam, machte es genauso!!!!
Mein Französisch
Französisch gelernt hatte ich erst nach dem Studium, als ich für die Conti oft in Frankreich war, und dafür einen 4-wöchigen Sprachkurs in Bordeaux gemacht habe (2 Wochen Bildungsurlaub!). In den letzten 12 Jahren als NRW-Messe-Repräsentant war ich weniger in Frankreich oder Spanien, dafür eher an Orten wie Bottrop, Castrop-Rauxel, Wanne-Eickel und Wuppertal und hatte kaum Gelegenheit für Französisch oder Spanisch. Der Himmel hat mir im letzten Jahr meinen Freund Pedro geschickt, den ich Anfang Juli auf dem Frankreich-Fest in Düsseldorf kennenlernte. Als wir uns unterhielten, stellten wir fest, dass unsere Interessen sich wunderbar ergänzten: Pedros Muttersprache ist Spanisch, und er spricht perfekt Französisch, musste aber für seinen Job bei Air Liquide in Dormagen Deutsch lernen. Dafür konnte ich Deutsch anbieten, und wollte gern mein Spanisch und Französisch verbessern. So machten wir einen Vertrag: wir treffen uns jeden Mittwochabend ab 18h, und unterhalten uns jeweils abwechselnd auf Deutsch, und die andere Woche Spanisch/Französisch. Themen hatten wir in den letzten 12 Monaten genug: das Parteiensystem und die Regierungsbildung in Spanien, die Autonomiebestrebungen Kataloniens, die Wahlen in Frankreich, das Wahlrecht und die Frage der doppelten Staatsangehörigkeit in Deutschland, die jeweiligen aktuellen Vorgänge in den Ländern und natürlich die Einbeziehung der Biertesterrunde. Im Sommer trafen wir uns am Fortuna Büdchen am Rheinufer, jeder brachte Picknick mit, und manchmal saßen wir bis Mitternacht. Im Winter waren wir meist in der Zicke, eine wunderbare Kneipe in der Altstadt. Dadurch wurde mein Französisch zwar nicht perfekt, aber ich konnte mich auf meiner Tour ganz gut verständigen.


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Tour de France /Part 2: Vallon Pont d‘Arc - Barcelona

15. Tag Samstag: Vallon Pont d’Arc - Montpellier
Warum bin ich nicht einfach mit meinen Kumpels mit dem Auto nach Hause gefahren? 12 Stunden, und ich wäre in Hannover. Das wäre zu einfach gewesen, es fehlt ja noch Teil 2 meiner Reise. Ich will noch an die Costa Brava und die Kontakte besuchen, die ich in über 40 Berufsjahren dort gemacht habe.

Bin früh um 7:30h am Camping in Vallon gestartet und gut in Gang gekommen. Eine traumhafte Gegend, ich wechsle vom Department Ardeche zum Dptm Gard. Ich fahre über die Ceze, einen Wildwasserfluss, der kurz hinter Avignon in die Rhone mündet. Das ist jetzt hier die Provence, die ich liebe: leichte hügelige abwechslungsreiche Landschaft mit Wiesen, Feldern und auch Bewaldung. Ich atme tief ein und pumpe meine Lungen voll mit dem herrlichen Geruch der Kräuter, Feldblumen Kornfelder und Gräser, stellenweise Lavendel, und sogar Eukalyptusbäume.
Die Strecke bis Arles läuft wie geschmiert: kleine Nebenstraßen, kein Verkehr, Wind von hinten, und die Temperatur noch moderat bei ca. 20-23 Grad. Nach 2 ½ h habe ich die 55 km bis Arles geschafft. Inzwischen ist es 10h und die Temperatur bei weit über 25Grad.
Kleine Pause, und dann geht’s weiter. Denkste! Der Hinterreifen ist platt. Also erstmal einen Schattenplatz suchen und Schlauch hinten wechseln. Mit der Hinterachse für den Gepäckträger dauert das etwas länger als beim einfachen Rennrad. Nach 30 Minuten geht’s weiter.

Leider ist die Route National von Arles nach Montpellier stark befahren. Und die Südfranzosen fahren anders als im Norden. Ohne Rücksicht, immer in Eile. Es kommt mehrmals zu kritischen Situationen. Einmal kommt mir ein überholendes Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit entgegen. Ich kann gerade noch ausweichen, lande auf dem Standstreifen bzw. im Schotter. Trotzdem Glück gehabt.
Ab 13h steigt die Temperatur auf weit über 30 Grad, und ab km 80 geht mein eigener Akku gegen Null. Ich mache mehrere Pausen, und habe dafür einige sehr gute Begegnungen und Gespräche, vor allem in Sommieres an der Vidourle.

Sommieres/ gens de voyage / Camionettes Jessica
Ich fahre am Fluss über einen Parkplatz. Es sieht aus wie ein wilder Campingplatz, mit vielen kleinen Camionettes/Lieferwagen. Eine Gruppe von jungen Leuten sitzt vor einer Camionette und lädt mich zum Bier (Bier de Abbaye mit 7%) ein. Jessica ist aus Italien, aus der Nähe von Torino und tourt mit Ihrem Wagen durch die Gegend. In Deutschland und bis Polen war sie auch schon, überall, wo was los war. An die Orte erinnert sie sich nicht mehr.
Jessica hat ihr Herz an ‚Mercedes‘ verloren. Das sind die besten Autos, sagt sie. Kosten aber zu viel, sie kann sich nur einen alten Iveco leisten. Den Mercedes hat sie sich auf den Unterarm tätowieren lassen.

Helena aus Sevilla schneidet eine Wassermelone (Pasteque) in Scheiben. Eisgekühlt, köstlich. Ich lerne ein neues Wort: al’aise = cool!
Wir sitzen vor dem Wagen von Fabio. Im Laderaum sieht es aus wie früher in dem Zimmer einer Kommune: Matratzen, leere Flaschen, Müll. Ein kleiner Ofen soll für Wärme sorgen, für das Abluftrohr hat man ein Loch in die Außenwand gesägt. Die Stoßfedern an der Hinterachse sind gebrochen, daher hängt Fabio erstmal hier fest.
Toni bietet mir ein neues Bier an. Ich lehne dankend ab, das zweite würde mich bei der Hitze umhauen.
Ein Joint kreist, und eine Wasser-Sprühflasche. Den Joint gebe ich weiter, aber die Sprühflasche nutze ich ausgiebig. Eine gute Idee, muss ich mir merken.
Merci! Mille grazie! Gracias a todos/todas!
(Womit die jungen Leute Ihr Leben finanzieren? Keine Ahnung! Die Begegnung erinnert mich an meine Sturm- und Drangzeit mit 16/17, als wir mit einem Schlafsack durch Europa getrampt sind. Heute kauft man sich eine camionette, baut einen Kohleofen ein und fährt los. )


Police municipale / Didier in Sommieres
Didier ist bei der Police Municipale und organisiert den Wochenmarkt. Er erklärt mir das Polizei-System: police national, Gendamerie regional, police municipale (Ortspolizei). Wie er dasteht, erinnert er mich an meinen großen Bruder: wie ein Fels in der Brandung, die Ruhe selbst, während um ihn herum die Unruhe herrscht durch den Abbau der Stände. Die ‚Schwimmweste‘ (gilet pare-balles) ist obligatorisch für ihn seit den Terroranschlägen in Paris und Nizza.


Didier erzählt mir von seinem Cousin, der ohne ein Wort Deutsch zu können, nach Berlin gegangen ist. Und von der Geschichte mit dem Train d’Or (Goldzug), nach dem man in Polen sucht. Diese Story verfolgt er seit Monaten, sein Cousin hält ihn da auf dem Laufenden.

Une familie du tsunami / Jean + Mageli (Sascha + Rafael)
Am Flussufer in der Stadt trinke ich einen Kaffee. Ich komme mit der Familie am Nachbartisch ins Gespräch. „Wir sind die Tsunami-Familie“, erklärt mir Magali, die aus der Nähe von Liege/Belgien stammt. Sie ist als Krankenschwester nach dem Tsunami nach Sri Lanka gegangen, um zu helfen. Auf dem Rückflug nach Paris hat sie Jean kennengelernt. Er arbeitet bei Tele France und war als Reporter vor Ort. Sie haben geheiratet und mit Sascha und Rafael eine Familie gegründet.
Jean, Mageli: Je promis de revenir pour bien connaitre Sommieres!
Mathieu und die Sahara
Noch während ich meinen Kaffee trinke, tourt ein beladener Radfahrer vorbei. Der erste und einzige Tourer an diesem Tag. Ich fahre weiter und hole ihn bald ein. Mit meinem Rennrad bin ich deutlich schneller als er mit seinem Trecking. Und verständige mich mit ihm auf einen gemeinsamen Stopp bei nächster Gelegenheit.
Ich halte vor einer Imbissbude, warte auf ihn und wir unterhalten uns. Mathieu ist beim Militär und kommt von der oberen Ardeche. Er ist am Vortag 130km nach Vallon gefahren, hat dort übernachtet (camping sauvage/im Wald) und ist um 8h aufgebrochen. Genau eine ½ h nach mir. Er will ans Meer, kurz hinter Montpellier und zwei Tage baden und sonnen. Dann wieder zwei Tage zurück, 500 km insgesamt Hin und Rück. Für ihn ist das eine Testfahrt, weil er im Juli für drei Wochen durch die Sahara in Marokko fahren will.
Er ist praktisch den ganzen Tag im Abstand von 30 min hinter mir hergefahren.

Pierre in Montpellier
Gegen 17h verfahre ich mich 10 km vor Montpellier. Ich lande fast auf der Autoroute, Direccion Barcelone!!!!! (Da will ich doch hin!!!)
Ich spreche einen jungen Burschen an, der grad an mir vorbeikommt. Er sagt:“Suivez moi!“ (Fahren Sie hinter mir her!)
Er heißt Pierre, ist 30 Jahre und erinnert mich sehr stark an meine Söhne, vor allem an Nils. Fährt mit Flipflops auf seinem Mountainbike, wie der Teufel, über Stock und Stein wie der Blitz. Er will zur Stadtbücherei und seine Bücher abgeben.
Er ist selbständig, macht/pflegt für internationale Firmen Websites, war bis vor kurzem in Sao Paulo/Brasilien, ist aber wegen der Wirtschaftskrise dort wieder nach Frankreich zurück. Als wir uns dem Zentrum nähern, macht er ganz spontan eine Stadtführung mit mir. Ich kann trotz Kilometerstand 130 nicht wiedersprechen, Montpellier erweist sich architektonisch und vom Design her als eine tolle Stadt.
Als er seine Bücher abgegeben hat, lade ich ihn zum Bier ein. Er hat in Brasilien geheiratet und ist seit vier Monaten Vater. Und ist ganz begeistert. Zeigt mir gefühlt hunderttausend Fotos von dem Kleinen.
Beim Bier frage ich ihn, ob ich ihm einen Ratschlag geben kann (un tuyau). Von meinen Söhnen habe ich gelernt, dass ein Ratschlag ein (Rat-)Schlag ist und man besser vorher fragen sollte. Pierre sagt: naturellement!! „Wenn du mal eine längere Radtour planst, dann gib ein paar Tropfen Oel auf deine Kette. Zum einem macht das dann nicht so viel Krach (de bruit), zum anderen fährt es sich deutlich leichter.“ „Ah“ sagt Pierre und schaut auf seine rostige Kette, „Merci pour le tuyau!“
Merci, Pierre pour le guided tour de cette belle ville!
Tege a Montpellier
Anschließend treffe ich in der Innenstadt Tege, der mir an der Loire begegnet ist und mich eingeladen hat, bei ihm und seiner Frau Florence zu übernachten. Er ist von Paris in 4 Tagen wieder zurück nach Montpellier gefahren und erholt sich jetzt von seiner Tour. Tege ist 59, ist weltweit viel herumgekommen, hat in Afrika gearbeitet und ist jetzt als Professeur d’education phyisique (Sportlehrer) beschäftigt. Aber nur 6 Monate im Jahr, die anderen Monate braucht er für seine Touren.
Tege, j’aimerait bien de faire un tour de velo avec toi/ensemble en Allemagne!

Ein aufregender Tag mit vielen Erlebnissen! Danke an alle!

16. Tag / Sonntag, Montpellier – Sete - Agde
Nach einem guten Frühstück bei Tege und Florence – mit Tee, Reis und Spiegelei – starte ich in Richtung Meer.
Dominick
Noch im Stadtbereich von Montpellier begegne ich Dominick. Er ist aus Salon (Provence/Aix) und kommt jetzt aus Nantes/Bretagne. Er ist im letzten Jahr mit dem Rad zu seiner Mutter in Nantes gefahren, hat das Rad da gelassen und macht jetzt Retour.
Er rät mir vom canal di Midi ab, weil er wegen der Schotterwege für 100km 2 Tage gebraucht hat.

Christopher Kolumbus
Ich fahre Richtung Süden, und fühle mich wie Christopher Colon, als er 1492 Amerika entdeckte. Meeresvögel tauchen plötzlich auf, dichtes Schilf umrandet den Canal. Dann der L’Etang/die Lagune, ein Zeichen, dass das Meer nicht mehr weit ist. Ich habe das Mittelmeer entdeckt!!!!
Am Sonntag, 11.06.2017, 10:22h!!!

Drei Schönheiten am Strand
Nach einer ersten Abkühlung im Meer überlege ich, wie ich ein Foto machen kann. Mit Selbstauslöser geht nicht am Strand. Also frage ich drei Schönheiten, ob sie ein Foto für mich machen. Sie heißen Anouk, Anais und Brigitte. Anouk übernimmt den Job und erweist sich als eifrige Fotografin. Das Ganze wird ein tolles Fotoshooting. Mit schönen Fotos. (aber die Badebux bleibt an!!)

Sand auf Küstenweg
Ich folge hinter Palavas dem Weg an der Küste, merke aber bald, dass es schwieriger wird. Erst Schotter, dann Steine und dann Sand!!! Sand geht mit meinen Rennradreifen gar nicht!!
Ich kehre um und nehme den Canal de Midi. Denke dabei an Dominick und mache meine eigene Erfahrung: 30 km Schotter, mit großen Steinen und Löchern. Teilweise komme ich nur im Schritttempo voran. Jeder Stein kann einen Felgen- oder Speichenbruch verursachen, dann ist die Kacke am Dampfen.

Ich schaffe es ohne Zwischenfall bis Frontignan und belohne mich mit einem Zwischenstopp und einem Plat du Jour.
Guy und sein Restaurant
Ich halte vor einem Restaurant exotique, wo ein etwas eigenartiger Typ die Passanten anspricht. In einer nicht zu verstehenden Sprache, in abgehackten Sätzen. Die vorhandenen Gäste empfehlen das Essen, also bestelle ich einen plat du Jour (15€). Mit einem Liter Wasser und un demi Rose.
Eine Holländerin aus Amsterdam, die mich an Zarah Leander erinnert – ‚Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n -, will ihre Französischkenntnisse präsentieren und lässt raten wie alt sie ist: 4x20+7 = quatre vingt sept = 87. Die anderen schalten sich ein und wollen mithalten: 60+10+7= soixante dix sept = 77 (auch in France gilt: Punktrechnung vor Strichrechnung!!)
Wer einmal französisch gelernt hat, wird sich noch erinnern, wie komisch einem die französische Zählweise vorkam, als man die Zahlen lernte. 97 auf Französisch wäre= 4x20+10+7= quatre vingt dix sept. Also eine richtige Rechenaufgabe.
Kaum jemand weiß, wie diese Zählweise zustande kam. Mein Freund Jean Jacques hat mich darauf gebracht. Vor der französischen Revolution (1789) gab es eine logische Zählweise, aber die Revolutionäre wollten die alten Strukturen abschaffen, also schufen sie alles neu: Monats- und Wochentage, und die Zählweise.
Kurioserweise zählen die anderen französischsprachigen Länder anders: in Belgien soixante, septante, nonante, aber quatrevingt(4x20)!
Nur die Schweiz und Kanada haben das logische Zählsystem in der französischen Sprache beibehalten: soixante, septante, huitante, nonante!
Der komische Typ – er heisst Guy – kommt zu mir und zeigt mir seinen Wahlschein. Heute am Sonntag ist Wahltag in Frankreich, Wahlen für das Parlament. Ich sage: „il faut voter! Pour votre president Emmanuel!“ und auf einmal bricht in der bisher ruhigen Gastrunde die Hölle aus. „Emanuelle, tant pis!“ Die bisher sprachlosen männlichen Begleiter schalten sich vehement in die Diskussion ein, die einzelnen Tische kommunizieren heftig miteinander.
Ich bezahle, packe meine Sachen und verschwinde schnell. Bevor das eskaliert.

An diesem Wahltag wählt Frankreich das Nationalparlament. Die erst vor 1 ½ Jahren von Emmanuel Macron gebildete sozialistische Partei wird nach dem zweiten Wahlgang (Wahlbeteiligung: 48,7% im ersten, 42,6% im zweiten) eine absolute Mehrheit erreichen. Dreiviertel der Parlamentssitze werden neu besetzt, nur ein Viertel behält seinen Sitz. Die Franzosen sind nach den vielen Affären und Skandalen wahl-müde und haben kein Vertrauen mehr in ihre Politiker. Bin gespannt auf unsere Wahl im September.
Nach 68 km lande ich in Marseillan, kurz vor Agde und suche mir einen Campingplatz.
Nico, der nicht mal Staatenlose in Sete
Nico ist geboren in Bayern, sein Vater ist Kroate, er ist 45Jahre, und seit 4 Jahren auf der Walz. Der Grund ist, dass er seine Staatsangehörigkeit verloren hat. Er hatte mal einen deutschen Pass, hat den aber wohl aufgrund seiner ‚kriminellen Energie‘ (Rauschgift etc) verloren, hatte zwischenzeitlich auch mal einen jugoslawischen Pass, der aber auch auslief, als Jugoslawien auseinanderbrach. Jetzt klagt er in Karlsruhe und will bis zum europäischen Gerichtshof gehen, falls er nicht weiterkommt. Er hat einen Sohn in Bremen, und eine Tochter in Montpellier. Sein Ziel ist Malaga, wo er mit seinem Karren und seinen zwei Hunden hinwill. Er versucht, mit Malerei über die Runden zu kommen, bräuchte aber dafür eigentlich eine Lizenz (in Frankreich braucht man für alles eine Lizenz), kann aber keine beantragen, da er ja keine Papiere hat.

Pierre en Retraite
Auf dem Campingplatz in Marseillan spricht mich mein Nachbar Pierre an. „Auch schon in Rente? En retraite?“
Er ist 70, zweimal geschieden, hat drei Kinder und drei Enkelkinder, aber kaum noch Kontakt zu seiner Familie. Er glaubt, dass es daran liegt, dass seine zweite Frau 25 Jahre jünger war als seine erste. Er ist viel in der Welt rumgekommen mit seinem Job, hat in Deutschland, Österreich, China, Korea gearbeitet. Als er mit 63 pensioniert wurde, ist er erstmal in ein tiefes Loch gefallen. Und wusste nix mit sich anzufangen. Es hat einige Zeit gedauert, bis er sich gefangen hatte und selber was auf die Beine stellen konnte: den Jakobsweg laufen (1.500km!!), sich in Marokko einen zweiten Standort aufbauen, etc. Jetzt fühlt er sich ganz wohl und kommt gut klar.
Was ich komisch finde: Mir sind schon öfter bei meiner Fahrt durch Frankreich Straßenschilder mit dem Hinweis auf ein ‚Maison de Retraite‘ (Rentnerheim) aufgefallen. Gibt es das in Deutschland auch? Hab ich noch nicht gesehen!
Pierre schaut dauernd auf die Uhr, plötzlich sagt er: „19h! ich muss zu Jean! Zum Aperitiv!“ Jeden Abend um 19h treffen sie sich zum Aperitif! Und das ist ihm heilig!

17. Tag/Montag: Marsellan/Agde – Beziers / Perpiegnan – Cerbere

Der 17.Tag meiner Tour ist der härteste, aber auch der schönste. Ich sitze in Cerbere in einer Bucht am Meer, direkt vor der spanischen Grenze. Von Marsellan bin ich über Agde nach Beziers. Der Wind kam mit ca. 50kmh direkt von vorn. Ich nahm den Zug nach Perpignan, und von dort
bin ich den Schildern für Argeles gefolgt, und war auf einmal auf der Autobahn. Da es keine Alternative gab, Augen zu und durch!

Dann wurden schon die Pyrenäen sichtbar, davor hab ich mächtig Respekt!!
Ich mache noch einmal Pause und schaufele alles an Essen rein, was ich kriegen kann: Wurst, Schinken, Baguette, Tomaten, Banane, Käse.
Und danach geht es nur noch rauf und runter/ la route de cols: Collioure, Port Vendres, Banyuls, Cerbere! Insgesamt fast 100 km, aber mit 800 Höhenmetern. Traumhaft schön! Immer hoch und runter an der Küste. Das ist wie 5 mal den Nienstedter Pass im Deister fahren!
Ich bin fast in jeder Bucht schwimmen gewesen, auch in der letzten! Und als ich in Cerbere vom Schwimmen komme und nach dem Camping frage, sagen mir die Leute, der ist 4 km zurück und auf 200 m Höhe. Also gönne ich mir ein Zimmer im Hotel La Dorade (empfehlenswert/wie eine Suite) und genieße den Abend.

Morgen geht es über die Grenze nach Port Bou. Ich bin gespannt, ob wie 1976 die Guardia Civil da steht und kontrolliert. Das erinnert mich an meine Zeit als Reiseleiter beim TUI-Service an der Costa Brava, wo ich für die Hotels in Malgrat und Calella zuständig war und die Bahnreisenden (Hummel, Dr. Tigges) in Port Bou in Empfang genommen habe. Einmal bin ich selber mit dem Tui-Sonderzug von Hannover an die Costa Brava gefahren, aber nur unter der Bedingung, einen Farbfernseher für den Chef mitzubringen. Also trug ich den FS vom deutschen Zug in den spanischen (Spurbreitenwechsel), und die Guardia Civil schaute zu (bzw. sie schauten weg! Ich weiß nicht, was da zwischen meinem Chef und dem Zoll gelaufen ist??? Heute compliance, damals normal!)
18. Tag / Dienstag: letzte Etappe!! Cerbere – Port Bou, - Girona/train, Girona - Calella

Le soleil a rendez-vous avec la lune
Im Bett schlafen ist doch was anderes als im Zelt!! Ich wache um 6h auf und gehe in die Bucht. Die Sonne geht im Osten auf, und im Westen verabschiedet sich der Mond. Ich springe ins Meer, das Wasser ist herrlich frisch, weich und glatt.
Beim Frühstück weist mich Anne (die Frau von Yves/ er macht die Spätschicht, und sie die Frühschicht; sie kümmern sich rührend um mich) auf den Sänger Charles Trenet hin: Le soleil a rendez-vous avec la lune 

Ein phantastisches Lied, passt genau zu diesem Morgen in der Bucht in Cerbere.

Mein Gewicht
Ich bereite mich auf meine letzte Etappe vor und haue nochmal alles rein, was es beim Frühstück gibt: Croissants, Semmelbrot, Baguette, Yoghurt). Ich bin gespannt auf mein Gewicht. Bei der Abfahrt waren es 90 kg, ich frage mich, wieviel Kilogramm die Tour kosten wird. Bei Joaquin in Vilassar werde ich mich wiegen.
Mein ständiger Begleiter auf der Tour: Charles
In Sancerre hat mich die Winzerin Frederique gefragt, ob ich mich einsam fühle, so allein auf einer so langen Tour. Ich habe ihr geantwortet, ich bin ja nie allein!
Mein ständiger Begleiter ist tagsüber immer bei mir, wenn ich aufs Rad steige. Morgens ist er etwas größer/länger, mittags wird er kleiner. Wir fahren wie ein Gespann bei einem Rennen: mal fährt er etwas vor, mal übernehme ich die Führung. Vor einer Kurve sage ich ihm: fahr du vor. Und er zieht an. Wenn er vor mir ist, spüre ich sogar seinen Windschatten, und fahre deutlich schneller. Während wenn er hinter mir ist, wird das Treten schwerer.
Ich nenne ihn Charles. Er ist mein S c h a t t e n.
In Spanien wird mein ständiger Begleiter Carlos sein. Mit Charles habe ich Französisch gesprochen. Mit Carlos unterhalte ich mich seit der Grenze auf Spanisch. Er ist zwar Katalane, aber die Sprache habe ich leider nie gelernt.
(Ich habe seit Düsseldorf nur blauen Himmel, nie auch nur eine Wolke!!!! Was für ein Glück, sonst wär ich wirklich allein!!!)
in Calella wartet bei meiner Ankunft Radio TV Calella und will ein Interview machen. Ich bin gespannt.
Über den Pass (Col de Belitres) nach Spanien
Ich könnte es mir so einfach machen. Der Bahnhof von Cerbere liegt gerade mal 100m vom Hotel, und der Zug fährt jede Stunde nach Port Bou. Es würde 1.-€ mehr kosten, wenn ich hier statt in Port Bou einsteigen würde (Port Bou-Girona= 6,15€)
Aber dann würde mir der Pass entgehen, und die Grenzstation.
Meine Socken
Heute morgen habe ich mich nach zwei Wochen von meinen Socken getrennt und sie feierlich in der Bucht von Cerbere verbrannt. Waschen hat nicht mehr geholfen. Für die letzte Etappe habe ich die Ersatzsocken geopfert. Jetzt fahre ich sozusagen auf Reserve!
Französisch/spanische Grenze
Ich bin enttäuscht, als ich an die Grenze komme: keine Guardia Civil, keine Kontrolle. Was haben wir früher immer gezittert, wenn wir mit dem Auto an diese Grenze kamen und die Männer mit dem Dreispitz sich dem Auto näherten. Das erste Mal, als ich nach Spanien kam, lebte Franco noch und die ETA war sehr aktiv. Es galt grundsätzlich das Verdachtsprinzip: Jeder war ein Krimineller, Terrorist oder Spion, solange man nicht das Gegenteil herauskontrolliert hatte. Das ist glücklicherweise vorbei!

Mein erster spanischer Kontakt hinter der Grenze: Carlos!!!!!!!
Die Entscheidung, nicht den Zug zu nehmen, bereue ich nicht, als ich oben auf dem Col de Belitres ankomme. Eine atemberaubende Aussicht. Ich sause den Berg hinunter und sehe am ersten Rastplatz ein Fahrzeug vom Ministerio de Obras. Ich frage die Männer, ob sie mal ein Foto machen können, während ich den Berg runterkomme. Claro que si!
Ich frage den Mann nach seinem Namen. Natürlich Carlos!! Wie mein ständiger Begleiter in Spanien!
(Und mein Schatten Carlos fährt direkt neben mir!!)
Port Bou/Parlez-vous francais?
in der Bucht von Port Bou halte ich kurz auf dem Weg zum Bahnhof vor einem Wanderwegweiser an und werde von einem Ehepaar angesprochen: Parlez-vous francais? Als ob ich aussehe wie ein Franzose, nur weil ich seit 2 Wochen in Frankreich war! Sie wollen nach Le Pertus, der Grenzstation an der Autobahn durch die Pyrenäen. Jemand hat sie hierher geschickt, sie wirken ziemlich verloren, als ich ihnen auf meinem Navi den Weg dahin zeige.


Sonnenbrille
Meine Sonnenbrille war bisher eines der wichtigsten Ausstattungsgegenstände dieser Tour. Ich hätte ohne die Brille nicht einen Meter fahren können. Einmal wegen der Sonne, zum anderen auch wegen Dreck und Insekten, die in der Luft herumschwirren. Und einem bei Tempo 40 und darüber auf die Scheiben knallen, dass es nur so kracht.
In Port Bou am Bahnhof fällt sie mir runter, zum bestimmt 100sten Mal, aber diesmal mit Folgen: ein Bügel bricht ab.
Als ich in Girona aus dem Bahnhof komme, frage ich einen Taxifahrer, wo ich eine Sonnenbrille kaufen kann. Er zeigt auf eine Geschäft 100 m vom Bahnhof entfernt. Ein Geschäft nur für Sonnenbrillen. Total exklusiv. Nach Marken sortiert. Die billigste soll 39€ kosten. Ich verschwinde wieder, es liegt nicht am Preis, sie gefällt mir einfach nicht.
Einen km weiter komme ich an einer Tienda für ‚alles und nix‘ vorbei. Es gibt einen Ständer mit Sonnenbrillen, sie gefallen mir alle und kosten 3€ pro Stück. Ich nehme gleich 2!
Kontakt mit England im Zug
Ich bin im Zug von Port Bou nach Girona. Als ich von meinem Platz aufstehe und etwas an meinem Rad befestige, setzt sich ein junges Pärchen auf die Sitze mir gegenüber. Als ich zurückkomme, sagen Sie: oh, sorry! Es ist ihnen scheinbar unangenehm, dass Ihnen jemand gegenüber sitzt.
Ich frage nach einiger Zeit: where are you from? Und sie antworten: „Hhmm?“
(die englische Variante von französisch „ÄÄÄHH?“, und auf deutsch „Häh?“ )
Sie ziehen ihre headphones ab, behalten sie aber erhoben in den Händen. Sie sind aus London, beide ca. Mitte 25. Sie tragen beide jeweils einen goldenen Ring am Ringfinger, ihre Ausstattung ist alles vom Feinsten: Bags, Handtasche, Uhren, Schuhe, Sonnenbrillen, Frisur. Er ist mittelgroß und hat Oberarme und Oberschenkel wie Arnold Schwarzenegger in seiner besten Zeit. Sie hat ihre Jeans überall eingeschnitten, und es fehlen auch größere Teile. Viel Haut, schöne Haut wird sichtbar. Da sie in Figueras zugestiegen sind, frage ich sie, ob sie im Dali-Museum waren. „Dali? Never heard!“ Sie waren ein paar Tage in Rosas am Meer. Ich frage, ob sie in Cadaques waren, direkt neben Rosas. Dort hatte Dali seinen Wohnsitz und seine Werkstatt, und es ist sehr beeindruckend, wie er dort – mit Unterbrechungen von 1904-1989 gelebt hat. Von Cadaques haben sie auch noch nie gehört. Sie sind auf dem Weg nach Barcelona. Jetzt fängt die Sache an, mir Spaß zu machen. Ich erwähne das Verhältnis von Dali zu Picasso, und das Picasso Museum in Barcelona. ‚Keine Zeit in Barcelona, sie fliegen von dort weiter nach Portugal, Lissabon und dann an die Algarve‘.
Zwei Wochen insgesamt. Ich gehe davon aus, dass es ihre Hochzeitsreise ist, und stelle mir vor, wie sie geheiratet haben: in einem Schloss, gebucht mindestens vor einem Jahr, mit über 150 Gästen, organisiert von einer wedding agency, mit einem Budget von mindestens xx.xxx Pfund. Ich geben den beiden maximal 5 Jahre, dann lassen sie sich wieder scheiden.
Inzwischen haben sie beide wieder ihre Kopfhören eingestöpselt und sich mir abgewandt, in ihre jeweils eigene Traumwelt.
Ich schaue auf meine Socken und denke: Daran kann’s nicht liegen, die hab ich doch grade erst heute Morgen neu angezogen!!
Temperatur
Die Anzeige in Girona zeigt 39Grad C. (auf dem Foto leider nicht übernommen). Die Luft war zum Schneiden.
Restaurant La Granota
Darauf habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut: meine Route führt auf der N11 bei Sils genau am La Granota vorbei. Ich mache Zwischenstation in meinem Lieblingsrestaurant an der ganzen Costa Brava. Hier sind wir 1976/77 regelmäßig mit TUI-Gästen hingefahren im Rahmen eines Ausflugsprogramm ‚Kulinarische Costa Bravá‘. Es gibt ein typisches catalanisches Menu mit Pan con tomate, Caracoles (Schnecken), Butifara mit aioli (Bratwurst), ancas de rana (Froschschenkel), crema catalana, und natürlich vino tinto aus dem purron. Jose Maria erkennt mich wieder und begrüßt mich. Er ist jetzt 84, führt das La Granota seit über 50 Jahren und hat die Verantwortung an seine Tochter Rosa Maria abgegeben.
Das Menu gibt es heute immer noch. Empfehlenswert!


Gelandet / Arrivee / Llegado
Nach 1.400 km mit dem Rad, 400km mit dem Zug, 50km mit einer Camionette und 15km mit einem Katamaran auf der Loire bin ich heute Abend am Ziel in Calella angekommen!!!!!!
Geschafft! Arrivee! Llegado! Ich bin glücklich und sehr dankbar, dass alles so geklappt hat.
Vielen Dank an alle, die mich virtuell begleitet haben.
Merci a tous qui me sont suivi virtuelment en este Tour! Bientot je vous donnre une traduction. Aux mieux, je vous traduire, quand nous nous reviendrons.
Gracias a todos que han seguido virtuelmente en este tour. Intento de traducir los textos un dia. O mejor, hablamos de ellos, cuando nos vemos la proxima vez.

Interview mit Radio Calella TV






Als ich in Calella am Officina de Tourismo ankomme, wartet schon das Team von RadioTV-Calella und macht ein Interview. Sie fragen, wie es vor 40 Jahren in Calella war. Es ist für mich nach zwei Wochen Französisch-intensiv nicht so einfach, auf Castellano umzusteigen. Das Interview wird fürchterlich.
Als ich zum ersten mal 1975 nach Barcelona und an die Costa Brava kam, lebte Franco noch. Spanien – und vor allem Catalunya – waren geprägt vom Frankismus, der Diktatur unter Franco nach dem langen Bürgerkrieg. Franco starb am 20. November 1975, und mit seinem Tod fand das Land zurück zur Demokratie. 1976 gab es die ersten freien Wahlen, und anschließend war Katalan wieder erlaubt und wurde zur Amts- und Umgangssprache. Ich erinnere mich daran, dass 1977 alle Orts- und Straßenschilder auf Katalan umgestellt wurden.




18.-22. Tag: Calella, Malgrat, Mataro, Vilassar, Barcelona
Malgrat/Santa Susanna: Schulausflug auf Rädern
Ich bin am Strand bei Santa Susanna und will nach dem Baden gerade aufs Rad steigen. Da kommt mir aus Richtung Malgrat ein langer Zug von Radfahrern entgegen: eine Gruppe von ca. 40 Schülern. Die Schüler sind 10-12 Jahre alt, alle in hellblauen Schul-T-Shirts, und werden begleitet von 4 Lehrern, die wie Hirtenhunde die Gruppe zur Fahrbahn abschirmen. Es gibt kaum Verkehr auf dem Strandweg. Fahrradfahren ist an der Schule in Calella Teil des Unterrichts, der Ausflug geht über ca. 15km hin und zurück.
Die meisten Schüler sitzen sehr tief auf ihren Rädern, keine ideale Haltung, um Kraft auf die Pedale zu bringen. Die Knie kommen fast in die Höhe des Oberkörpers, die Arme sind weit ausgestreckt, um überhaupt an den Lenker zu kommen. Alle haben Rucksäcke auf dem Rücken, die meisten hängen hinten tief runter. Und drücken auf den Rücken.
Bei fast allen quietscht die Kette. Am meisten bei den Rädern der Lehrer. Ich sehe selbst auf die Entfernung, dass die Reifen bei vielen nur schwach aufgepumpt sind.
Ganz am Schluss der Kolonne schiebt ein kleiner Bursche sein Rad, eine Lehrerin bildet das Schlusslicht. Seine Mitschüler ärgern ihn, weil er alle aufhält.
Ich frage, ob ich helfen kann. Ich denke, die Kette ist abgesprungen, aber daran liegt’s nicht. Auch die Schaltung ist in Ordnung. Der Junge sagt: „el freno frena! (die Bremse bremst!“ ) Das soll ja auch so sein, aber bei ihm liegt es nicht an der Bremse. Das Vorderrad hat eine doppelte Acht, und blockiert so an der Bremse. Ich hake den Bremszug aus und zeige ihm wie das Rad läuft. Und sage ihm, dass, wenn er nächstes Mal schneller sein will als seine Freunde, er einfach ein paar Tropfen Oel auf die Kette geben soll!!
Der Junge strahlt, springt auf sein Rad, und düst hinter seinen Freunden hinterher.
Hoffentlich geht das gut, mit nur einer Bremse!!!



Calella: Vicence Ferrer / Jesuiten-Missionar in Indien
Vicent Ferrer kommt aus Callela und ist 1958 nach Indien gegangen, um sein Leben den Armen zu widmen. Seit seinem Tod 2009 führt sein Sohn die Vicent Ferrer Foundation.
Im Bistro am Platz von Vincence Ferrer will ich Essen. Der Kellner kommt und sagt mir, dass er auch Rennrad fährt und jeden Morgen eine Runde an der Küste dreht. Er hat die Nachrichten von RadioCalella gesehen und mich erkannt.

Ich gehe anschließend bei Magdalena vom Reisebüro vorbei. Sie hatte mich im letzten November auf die Spur von Mercedes und ihrer Mutter vom Hotel Matinada gebracht. Sie kommt sofort auf mich zu und teilt mir mit, dass sie schon über FaceBook die News gesehen hat.
Werde ich jetzt berühmt? Kommt jetzt gleich jemand und fragt nach einem Autogramm? Will ich das überhaupt? Es ist schon ein komisches Gefühl…..
Hotel Matinada/Calella y la familia
Eines meiner Lieblingshotels in Calella, für die ich 1976 zuständig war, war das Hotel Matinada. Eine Familie führte das Hotel. Auf dem Foto eine der Töchter/Bernadette und Angels, eine Freundin. Und ich in Reiseleiter-Uniform!
Im Vorfeld meiner Reise war ich letztes Jahr im November in Calella und wollte die Familie vom Hotel Matinada besuchen. Das Hotel gab es nicht mehr, und mir fehlte der Familiennamen. Mit Hilfe einiger Nachbarn konnte ich eine Schwester ausfindig machen, Mercedes, die im Officina de Tourismo arbeitet.
Ich freue mich besonders, sie und Ihre Mutter wieder zu sehen. Die Senyora im rüstigen Alter von 86, fit und weiterhin unternehmungslustig.
Calella: S-Bahn mit dem Rad/Schranke
Ich will mit der S-Bahn von Calella nach Mataro. Und habe mir ein Ticket für 2,50€ gekauft. Mit meinem vollbeladenen Rad begebe ich mich in die Eingangsanlage. Mit dem Ticket öffnen sich die beidseitigen Sperren und ich schiebe mein Rad vorwärts. Just als ich mittig in der Anlage bin, schließen sich die beiden Sperren wie bei einer Krake, und ich sitze wie eine Maus in der Falle. Das Rad mit Gepäck ist für mich zu schwer, um es allein hochzuwuchten.
Da passiert etwas, was ich in Frankreich in einem meiner Chats für unmöglich gehalten habe. Ein junger Bursche springt mir zu Hilfe, hebt den hinteren Teil des Rads hoch, ich den vorderen, und wir wuchten das Rad über die Sperre. Der Bursche hat seine Kopfhörer noch auf. Und ich habe nicht mal „Por favor?“ gefragt. „Muchas gracias!!“
Mataro: Palettenwagen an der Loire
Ich ärger mich immer noch darüber, dass ich den Paletten-Wagen an der Loire,
der mich fast Kopf und Kragen gekostet hätte, nicht fotografiert habe. Ersatzweise habe ich in den letzten Tagen für mein Tagebuch eine Skizze angefertigt.
Und auf einmal, auf dem Weg von Mataro nach Vilassar, steht genau der gleiche Paletten-Wagen wie an der Loire am Straßenrand!!!!! Ich denke, ich träume, falle fast vom Rad!
Auch in Blau genau wie der an der Loire!!! Nur mit dem feinen Unterschied, dass die Paletten nicht hinter-, sondern nebeneinander gestapelt, und fest verzurrt sind. Und mit Kennzeichen Barcelona!
Ich mache ein Foto und wunder mich über die Zufälle, die es doch eigentlich nicht gibt.
Vilassar: Joaquin
In Vilassar besuche ich Joaquin. Wir sind uns das erste Mal begegnet, als ich nach dem Abitur 1975 im Reisebüro in Casteldefels gelandet war, und für die Touristen das Geld (Franc, Deutsche Mark, Gulden, Lira, Schillinge, Kronen, etc) in Peseten getauscht habe. Joaquin machte zu der Zeit bei der Conti in Gava eine Lehre und holte bei uns im Reisebüro immer die Flugtickets für seine Chefs ab.

Als ich bei der Conti in Hannover nach dem Studium anfing, lief er mir gleich am ersten Tag über den Weg. Heute ist er Chef von Contitech Espanya, und wir treffen uns mehrmals im Jahr.
Barcelona: Adria
Ich treffe Adria in Barcelona zum Lunch. Er war mein spanischer Partner in meiner Wasserzähler-Zeit, ich war mit ihm oft in Spanien und den Kanaren unterwegs bei Partnern und Kunden. Er teilt mit mir die Begeisterung fürs Rennradfahren. Es war eigentlich geplant, dass er mich auf der letzten Etappe von Girona nach Calella begleiten würde, er hatte aber drei Wochen vorher einen schweren Unfall mit dem Rad. Er ist in eine kleine Kuhle gefahren, und hatte leider nur eine Hand am Lenker.
In zwei Jahren wollen wir den Jakobsweg zusammen fahren: von Barcelona nach Santiago!!!
Franzosen in Barcelona
Auf dem Weg von Vilassar nach Barcelona komme ich mit drei Franzosen ins Gespräch. Sie sind um die 70 und mit einer Reisegruppe in Katalonien unterwegs. Wir sprechen über meine Tour. Sie fragen mich, ob mir auch aufgefallen wäre, dass die Menschen in Katalonien im allgemeinen viel freundlicher sind als die Franzosen? Insbesondere bei den Katalanen spürt man überall eine starke Servicebereitschaft. Sagt man in Spanien ‚muchas gracias‘, so folgt wie aus der Pistole geschossen ‚de nada‘. Wenn ich in Frankreich eine Auskunft brauchte, setzte ich mein freundlichstes Gesicht auf und fragte ‚s’il vous plait‘, und merkte, wie mein Gegenüber wie ein Boxer in die Kampfstellung ging. Ähnliches kann einem aber auch in Norddeutschland passieren, wenn man als Ortsunkundiger mit einem Stadtplan auf einem Marktplatz auf jemanden zugeht, weicht dieser automatisch ein paar Schritte zurück. Ganz anders im Rheinland. Wenn man mit der U75 von Düsseldorf die 15km nach Neuss fährt, hat man gefühlt 10 neue Freunde.
Ich frage mich, muss man - als Franzose - erst ins Ausland fahren, um das festzustellen?
Und sie fragen mich, wo ich überall gewesen bin, welche Orte mir am besten gefallen haben? Ich zähle die Loire/Sancerre, Montpellier und den kleinen Ort Sommieres auf.
Welcher Zufall: sie kommen aus Sommieres!!!!
Ein Gespräch über deutsche Aufklärer und Philosophen / mit Jelle
Ich bin beim Frühstück auf dem Camping in Calella und will das freie wifi nutzen. Da kommt Jelle und sagt: ah, du sprichst auch Deutsch, dann können wir uns ja unterhalten. Er ist Holländer, kommt aus Zutphen, Lehrer für Philosophie und Geschichte, und ist mit seiner Klasse eine Woche auf dem Camping. Heute ist die Klasse auf einer Fahrt nach Barcelona, eine Schülerin ist aber krank geworden, daher ist er auf dem Camping geblieben und kümmert sich um sie.


Jelle hat über die deutschen Aufklärer und Philosophen promoviert, sein Thema war, mit Hilfe der Komplextheorie von Hegel (Stuttgart, 1770-1831) die ägyptischen Bauwerke zu erklären. Als er hört, dass ich in Düsseldorf gestartet bin, reden wir über Heinrich Heine, und landen dann auch noch bei Immanuel Kant aus Königsberg, wo ich vor 6 Jahren war, und seinem Schüler Johann Gottfried von Herder. Irgendwann taucht ein Arzt auf, und Jelle muss mit ihm zur kranken Schülerin.
Jelle, vielen Dank für diese aufschlussreiche Lehr- und Nachhilfestunde in Philosophie. In der Schule früher hat das leider nie so viel Spaß gemacht.
Vilassar: der kleine Junge mit seinem Platten (Pinchada)
Für den Flug muss ich mein Bike demontieren. Ich kriege aber mit meinem kleinen Maulschlüssel die Schrauben an den Pedalen nicht los, daher fahre ich in Vilassar zu einem Fahrradladen. Ich weiß ungefähr die Richtung und frage kurz vorher einen Jungen auf einem Rad. Da wolle er auch hin, sagt er, und „suiga me/Folgen Sie mir“. Jetzt sehe ich, dass sein kleines Bike einen Platten hat und er deshalb vornübergebeugt vorwärts strampelt. Wir kommen zum Laden, und er erzählt mir, dass er Rock heißt und 11 Jahre alt ist. Warum er den Schlauch nicht selber austauscht? Das könne er nicht, hat er auch noch nie gemacht. Und sein Vater? Der kann es auch nicht. Zum Schluss frage ich ihn, wer ihm das Radfahren beigebracht hat: Seine Mutter oder sein Vater? Keiner von beiden, seine Großmutter!
Gut, wenn man so eine Großmutter hat!!!
Clara und Guileaume aus Frankreich
Oben auf dem Montjuich frage ich ein junges Pärchen, ob sie ein Foto von mir machen. Sehr gerne, sagen sie. Sie kommen aus Frankreich, sie aus Nantes, er aus der Montblanc-Region und heißen Clara und Guillaume. Er hat schon mehrere Anläufe auf den Montblanc-Gipfel gestartet, ist aber nie bis oben auf den Gipfel gekommen. Dafür ist er ein exzellenter Skiläufer.
Sie sind auf ihrer Verlobungsreise und waren eine Woche in Cadaques. Sie schwärmen von Dali und seiner Werkstatt, die sie besucht haben (ohne das ich danach gefragt habe!!!). In Barcelona haben sie sich auch das Picasso Museum angesehen. Sie sind mit dem Auto unterwegs und wollen weiter nach Andalusien, wo sie sich Sevilla, Cordoba und Granada vorgenommen haben.


Sie sind ganz einfach gekleidet, tragen keinen besonderen Schmuck und die Hosen sind auch nicht zerrissen. Headsets haben sie auch nicht auf. Sie würden sich gern noch weiter mit mir unterhalten, aber diesmal bin ich es, der das Gespräch nach einiger Zeit beendet. Ich muss zum Flughafen, mein Flug geht bald.
Dafür ist mein Weltbild bezüglich der jungen Leute wieder gerade gerückt!
Resumee/Fazit: Tour de France: von Düsseldorf nach Barcelona mit dem Rad
Um es vorweg zu nehmen: die Tour war phantastisch, sowohl Part1/Tour de France von Düsseldorf an die Ardeche als auch Part2/Espanya von der Ardeche nach Barcelona.
Und ich habe alles gut überstanden.
Ich hatte immer gesagt, dass ich, wenn ich 60 Jahre alt werde, mit dem Rad nach Santiago fahre. Als ich mir letztes Jahr die Strecke angesehen habe, habe ich gemerkt, dass es über die Pyrenäen nicht so einfach würde. Und bin so auf Barcelona gekommen, wo ich 1975/76 und 77 an der Küste gearbeitet habe. Ich habe mich ein Jahr auf die Tour vorbereitet: mental, ausrüstungsmäßig und trainiert. Natürlich habe ich mich gefragt: Schaffe ich das? Ich musste dann immer an Rüdiger denken; mit ihm und 8 anderen Fahrern haben wir uns vor 12 Jahren/2005 am Steintor in Hannover getroffen, um 5h bei Sonnenaufgang, und sind (mit einem Begleitfahrzeug) über Wolfsburg, Stendal, Tangermünde nach Berlin gefahren. Bei Sonnenuntergang um 22:30h waren wir nach 320km am Brandenburger Tor (ADFC-Tour von ‚Tor zu Tor‘). Rüdiger war damals 62 (mein Alter heute), und fuhr von Berlin aus weiter mit dem Rad über Warschau nach Moskau(!!). Also dachte ich: Das schaffe ich auch!!
Die Touren, die ich in den letzten Jahren mit meinem Neffen Sönke gemacht habe, waren eine gute Vorbereitung: die 1-Euro Tour von Hannover nach Dresden, 500 km, 5 Tage und 5 Euro Budget für jeden (und 5kg weniger nach fünf Tagen!). Und die Flucht-Tour von Litauen/Ostpreußen über Kaliningrad/Russland, Danzig/Polen, Pommern (die Heimat von meinem Vater) zurück nach Hamburg.
Ich war gefühlt schon 100mal in Frankreich, habe aber jetzt mit dem Rad das Land völlig neu entdeckt. Der Norden an der Grenze von Belgien zu Frankreich, Paris als Radfahrer, die ‚Loire en Velo‘, das Rhone-Tal und vor allem die Mittelmeerküste mit Montpellier und dem Canal du Midi. Phantastisch auch die Küste an der Grenze zu Spanien: Cerbere/Port Bou. Orte, die ich bisher noch nicht kannte und wo ich bald unbedingt wieder hinfahren will: Sancerre, Sommieres, Montpellier.
Aber was diese Tour so spannend gemacht hat, das waren die Menschen, die ich getroffen habe. Und die ich vorher noch nicht kannte: Frederique und Roland aus Sancerre, Marie und Jacques aus Clermont Feront, Mageli und Jean, Didier(der Polizist) aus Sommieres, Tege und Florence / Pierre aus Montpellier, die Camionettes/gens de voyage in Sommieres, Matthieu von der Haute-Ardeche, Anne und Ives im Hotel in Cerbere, Clara und Guilleaume, die 3M/Markus, Manfred und Margit auf der Loire, Peter und Angela aus Freiburg, Tracy aus Canada. Und die ich nach 35 oder 40 Jahren wieder gefunden habe: Isabelle aus Versailles, Mercedes und die Senyora vom Hotel Matinada/Calella.
Es war also nicht nur eine Reise in die Kontakte meiner beruflichen Vergangenheit, sondern vor allem eine Tour de l’avenir, neue Kontakte für die Zukunft.
Bei aller Begeisterung gab es aber auch Begegnungen, die nicht so positiv ankamen:
- im Museum Amistice in Compiegne, wo ich um 17:35h ankam, und man mich darauf hinwies, dass Einlass nur bis 17:30h sei (das Museum war offiziell bis 18h geöffnet), und mir dann um 17:40h nach Verlassen der letzten Besucher die Tür vor der Nase zuschloss. Trotz Bitten und Flehen! Nicht einmal für ein Foto vom Waggon für 10 Minuten!
- an der Schleuse zwischen Nevers und Decize, wo der Schleusenwärter uns um 18:50h nicht mehr mit dem Boot in die offene Schleuse lies, obwohl er uns telefonisch über den Kollegen eine Schleuse vorher noch einen Schleusengang zugesichert hatte. Die offizielle Schleusenzeit an allen Schleusen in Frankreich liegt bei 9-12 und 14-19h. Und diese Zeit wird in der Regel rigoros eingehalten.
- der Garagiste in Argeles sur Mer bei Perpignan, der mir ein paar Tropfen Oel für meine Kette ausschlug, mit der Begründung, ich könnte bei ihm einen Liter für 8€ kaufen
- die junge Frau in der Bar in Perpignan, die mich auf meine Bitte nach Wasser (l’eau de Robinet/vom Hahn) auf die Toilette schickte, wo man aber die Flasche nicht unter den Hahn kriegte. Und die mir dann eine Flasche Wasser für 1€ anbot.
In der Regel erhält man in Bars und Restaurants immer Wasser. Nördlich der Ardeche nahmen die Barkeeper die Flasche wortlos, spülten sie aus und füllten sie wortlos am Hahn mit eiskaltem, herrlich frischen Wasser (Es gibt bei den Hähnen für Bier neben Leffe, Heineken, Kronenburg auch immer einen für Wasser) und gaben sie wortlos zurück.
Südlich der Ardeche gab es fast immer Diskussionen: ca va pas!
- die Burschen, die mit Hupen und wilden Gestikulieren mir klarmachen wollten, dass die Straße ihnen gehörte und ich mit meinem Velo dort nix zu suchen hätte.
Das passierte mehrmals auf der Strecke zwischen Ales und Montpellier/Sete und zwischen Agde und Beziers, also in Südfrankreich, wo die Autofahrer einen eigenen Fahrstil haben, während ich nördlich von Lyon das Gefühl hatte, dass die Autofahrer einen als Radfahrer respektierten und vorsichtig fuhren. Ich gebe zu, Radfahren in Frankreich ist nicht immer ungefährlich. Wenn ich in Brüssel, Paris, Lyon und auch in kleineren Städten mich durch den Verkehr schlängelte, fühlte ich mich wie ein Dompteur im Tigerkäfig. Der Dompteur muss seine Tiere immer im Auge haben und mit ihnen kommunizieren, und sie müssen Respekt vor ihm haben. Wenn das nicht so ist, wird’s gefährlich.
Ich sehe diese Vorfälle aber als Ausnahmen, als Sonderfälle. Alle Fälle haben nichts mit mir als Deutschen, als Ausländer zu tun. Es liegt auch nicht an der Sprache, die ich nur unzureichend beherrsche. Jedem Franzosen passiert täglich dasselbe. Auch Tege aus Montpellier hat von den gleichen Erfahrungen von seinen Touren berichtet. Drei Franzosen, mit denen ich in der S-Bahn in Barcelona ins Gespräch komme, fragten mich, ob ich auch den Eindruck gewonnen hätte, dass die Menschen in Katalonien viel freundlicher seien als die Franzosen. Ich frage mich, muss man – als Franzose – erst ins Ausland fahren, um festzustellen, dass die Menschen woanders freundlicher sind?

Die Franzosen haben in der Regel vor Deutschland und den Deutschen großen Respekt, obwohl die wenigsten Deutschland als Reiseland kennen. Sie fühlen sich wegen der fremden Sprache unwohl und fahren daher lieber nach Süden: Spanien oder Italien. Auch die Zeiten, wo man noch als ‚Boche‘ bezeichnet wurde, sind glücklicherweise vorbei. Ich erinnere mich an meine Tramptour mit 17 (1972) durch Nord-Frankreich auf dem Weg nach England, wo ich das Wort noch mehrmals hörte. Man kann sagen, dass das Verhältnis Franco/Allemande heute recht entspannt ist. Glücklicherweise, seit über 70 Jahren, und das nach mehreren Jahrhunderten geprägt vom Zwist.
Ich habe meine ersten Etappen durch die französisch-deutsche Geschichte sehr genossen, Aachen mit Karl dem Großen, Waterloo mit dem Ende Napoleons, Compiegne mit den Waffenstillständen im Waggon, und Versailles mit Reichsgründung und Kaiserkrönung.
Und habe auch oft an meinen Vater gedacht, wie er wohl vor 70 Jahren mit dem Rad nach der Gefangenschaft von Südfrankreich aus zurück in die Heimat fuhr. Es könnte die Strecke gewesen sein, die Tege von Montpellier aus nach Norden gefahren ist. Ich sehe es als Schicksal, dass ich ihm begegnet bin. Und er exakt genauso viele Kilometer auf dem Tacho hatte wie ich!
Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass ich die Tour gut überstanden habe.
- Und bedanke mich bei allen, die mich so freundschaftlich beherbergt haben.
- Ganz besonderen Dank auch an meine ständigen Begleitern Charles und Carlos, meine französischen und spanischen Schatten, die seit drei Wochen immer zuverlässig und treu an meiner Seite waren, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, die mich oft im Windschatten fahren ließen und mit denen ich auch mal reden konnte. Mit Charles Französisch, und mit Carlos auf Spanisch. Carlos ist zwar eigentlich Katalane, aber die Sprache beherrsche ich leider nicht. Sie hörten mir beide immer widerspruchslos zu!

Musik
1. Le soleil a rendez-vous avec la lune! 

2. Silbermond: mit leichtem Gepäck 


Reisebericht mit Fotos unter https://linktr.ee/Radau1955
facebook rainer dorau
https://linktr.ee/Radau1955

Geändert von RaDau (14.09.23 14:37)
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